Mitternachtslektüre

Vampire sind einfach nicht totzukriegen


„Von 1730 bis 1735 war von nichts anderem als von Vampyren die Rede, je mehr man verbrannte, desto mehr tauchten auf.“ So verspottet der französische Aufklärer Voltaire seine Zeitgenossen, die aufgrund einiger unheimlicher Geschehnisse im Osteuropa des beginnenden 18. Jahrhunderts von einer regelrechten Vampirepidemie ganz und gar eingenommen sind. Die historischen Vorkommnisse sind allerdings in der Tat so seltsam, dass selbst die österreichische Monarchin Maria Theresia offizielle Untersuchungen vor Ort in Auftrag gibt. 


Zwar geht der Glaube an Untote, die in irgendeiner Weise den Lebenden schaden - wie etwa die Nachzehrer, die aus dem Grab heraus ihren Hinterbliebenen die Lebensenergie absaugen - auf sehr alte Vorstellungen zurück, zu einer regelrechten Hysterie entwickelt sich die Angst vor Vampiren aber vor allem ab etwa 1718, als einige Regionen Serbiens, Bosniens und Rumäniens in Österreichs Herrschaftsgebiet übergehen. Von da an nehmen die Meldungen über unheimliche Vorkommnisse, die Vampiren zugeschrieben werden, stetig zu. 


Der Fall des Peter Plogojoviz aus dem serbischen Dorf Kisolova erregt soviel Aufsehen, dass offizielle Ermittlungen in Auftrag gegeben und Abgesandte in die betroffenen Gebiete geschickt werden. 1725 erstattet der österreichische Kameralprovisor Frombald schriftlich Bericht über die Vorkommnisse. Unter anderem geben darin neun Personen zu Protokoll, dass ihnen der zehn Wochen zuvor verblichene Peter Plogojoviz im Schlaf erschienen sei, sich auf sie gelegt und sie gewürgt habe, sodass sie „nunmehro den Geist aufgeben müsten“. 


Diese neun Dorfbewohner sterben daraufhin allesamt innerhalb einer guten Woche, nach angeblich „schon überstandener Krankheit“. Da die örtliche Bevölkerung sich vor Vampiren fürchtet, besteht man vor Ort darauf, das Grab Plogojoviz' zu öffnen und den Leichnam auf typische Vampirzeichen hin zu untersuchen. Kameralprovisor Frombald befindet „gründlicher Wahrheit gemäß“, dass nicht nur der typische Leichengeruch fehle, sondern auch der Körper selbst „gantz frisch“ sei, Haar und Bart sowie die Nägel „an ihme gewachsen“ und in seinem Mund „nicht ohne Erstaunen einiges frisches Blut erblicket“ wird. Die Ortsbewohner pfählen daraufhin den Toten und verbrennen anschließend die Leiche. 


Seinen Bericht schließt Frombald mit einer Entschuldigung, dem abergläubischen Treiben keinen Einhalt geboten zu haben, die Schuld dafür aber doch bitte „nicht mir, sondern dem vor Forcht außer sich selbst gesetzen Pöfel beyzumessen“. 


In der folgenden Zeit machen weitere derartige Vorfälle von sich Reden, woraufhin eine ganze Reihe von Medizinern, Geistlichen und Gelehrten beginnt, den Vampirmythos mit logischem Denken sowie mehr und mehr wissenschaftlichen Untersuchungen zu widerlegen. 


So verfasst etwa der deutsche Gelehrte Michael Ranft mehrere Werke über das „Kauen und Schmatzen der Todten in Gräbern“, in denen er die typischen Vampiranzeichen auf natürliche Ursachen zurückführt. Maria Theresia schickt 1755 ihren Leibarzt Gerard van Swieten und 1756 auch den deutschen Chirurgen Georg Tallar in die jeweiligen Gebiete, um eigene Untersuchungen vor Ort vornehmen zu können. Im Laufe der Zeit entsteht so bis zum heutigen Tag eine Vielzahl von Erklärungsmodellen, die die Schauermär vom unsterblichen Vampir sezieren und widerlegen will. 


So ist etwa der Kanadier David Dolphin der Überzeugung, die typischen „Dracula-Symtome“ lassen sich allesamt auf die erbliche Stoffwechselerkrankung Porphyrie zurückführen, die nicht nur zu Totenblässe, sondern auch zu schmerzhafter Lichtempfindlichkeit führt, die in einem späteren Stadium Verbrennungen bis hin zu Gewebenekrosen verursachen kann - beides Anzeichen, die „typisch“ für Vampire sind. Der Nachteil dieser Theorie ist allerdings, dass Porphyrie äußerst selten vorkommt und somit wohl kaum diese Vielzahl der Vampirsichtungen erklären kann, wenden Kritiker ein. 


Auch der Erklärungsversuch des Neurologen Juan Gomez Alonso, der den Vampirismus auf die Tollwut zurückführt, wird von vielen Medizinern nicht geteilt. Zwar bewegen sich Tollwutkranke in der Tat oft „hölzern“ unkoordiniert, können eine extreme Wasserscheu (Stichwort: Weihwasser) entwickeln, und sind oft so aggressiv, dass sie um sich beißen, was bei Verletzungen des eigenen Mundbereichs durchaus auch zum Bluten aus dem Mund führen kann. Andererseits aber überleben Tollwutkranke das späte Stadium nur wenige Tage, können also schwerlich über Wochen und Monate hinweg immer mal wieder gesichtet werden, so wie es von Vampiren in den alten Überlieferungen berichtet wird. 


Logischer erscheinen da die Erklärungen der Mediziner, die die beobachteten Anzeichen auf ganz normale Fäulnis zurückführen. So verwesen Körper langsamer, wenn sie in besonders kalter Erde gebettet sind oder unter weitgehendem Luftabschluss, wie es schon Michael Ranft 1725 bzw. 1734 beschreibt. Heute weiß man, dass die für die Verwesung notwendigen aeroben Bakterien unter Luftabschluss nicht existieren können. Wird der Leichnam dann aber nach einiger Zeit wieder ausgegraben, können aerobe Bakterien diesen in nur kürzester Zeit auflösen - eine Erklärung für das angebliche rasche Zerfallen der Vampire im Sonnenlicht. 


Auch das „rötliche Sekret“ am Mund der exhumierten Vampire führt schon Ranft auf Fäulnisprozesse zurück und nicht wie seine abergläubischen Zeitgenossen auf frisch gesaugtes Blut der Mitmenschen. Heutige Pathologen wissen auch, dass Fäulnis bzw. deren Gase schmatzende und blubbernde Geräusche im Körper verursachen können, diesen aufblähen („wohlgenährtes“ Erscheinungsbild der Vampire) bzw. beim Aufsetzen oder sogar Pfählen der Leiche ächzende und stöhnende Geräusche erzeugen. 


Die angeblich nach dem Tod gewachsenen Haare, Nägel und Zähne der Vampire lassen sich auf eine weit verbreitete Fehlwahrnehmung zurückführen. Diese scheinen nur länger geworden zu sein, in Wahrheit sind es aber Zahnfleisch, Kopfhaut und Nagelbett, die sich zurückgezogen haben, und so den gruseligen Effekt entstehen lassen. Dennoch: Der Vampirmythos nährt bis zum heutigen Tage immer neue Bücher und Filme über untote Blutsauger, allen voran natürlich „Dracula“. 

Edvard Munch Vampir II

Auch wenn in Bram Stokers Roman meist von Vampiren die Rede ist, so findet sich dort doch auch der Begriff „Nosferatu“. Das Wort werde in Europa für einen Untoten benutzt, klärt uns Van Helsing in dem Bestseller auf. Woher der Begriff allerdings wirklich kommt und was er ganz genau zu bedeuten hat, darüber streiten Sprachwissenschaftler bis heute. 


Heinrich von Wlislocki, der ein ausgewiesener Kenner der rumänischen Sprache und Kultur war, beschreibt den Nosferat (nicht Nosferatu) in seinem Aufsatz „Quälgeister im Volksglauben der Rumänen“, der 1896 in der Monatsschrift für Volkskunde „Am Ur-Quell“ erschienen ist, folgendermaßen: „Der gefährlichste Quälgeist im rumänischen Volksglauben, der nicht nur schlafenden Menschen vom Blute saugt, sondern auch als Incubus und Subcubus eine gefährliche Rolle spielt, ist der Nosferat ... Als blutsaugendes Wesen tritt er nur bei älteren Leuten auf; mit jüngeren aber vermischt er sich geschlechtlich, die dann abzehren, hinsiechen und gar bald sterben.“ Heutzutage leben die Blutsauger vor allem im Film und im Buch weiter. Aber auch das ist ja eine Form von Unsterblichkeit. 


CS