Mitternachtslektüre

War Jack the Ripper ein Deutscher?


In den frühen Morgenstunden des 31. Augusts 1888 findet der Londoner Kutscher Charles Andrew Cross die Leiche der 43jährigen Mary Ann Nichols. Sie ist das erste Opfer des wohl berüchtigtsten Serienmörders aller Zeiten: Jack the Ripper. Die Bestie von Whitechapel, wie ihn die Presse damals nennt, wird nie gefasst. Bis heute streiten die Experten über die genaue Anzahl seiner Opfer. Die sogenannten Kanonischen Fünf werden ihm aber zumeist zugerechnet: Mary Ann Nichols, Annie Chapman, Elizabeth Stride, Catherine Eddowes und Mary Jane Kelly.


Der wichtigste Hinweis auf den Täter findet sich allerdings auch nicht in England, sondern in Amerika. Das meint zumindest der britische Mordermittler Trevor Marriott, der den Fall Jack the Ripper in unseren Tagen wieder neu aufgerollt hat. Er ist sich sicher: Die Bestie von Whitechapel hat mit der Ermordung Mary Jane Kellys am 9. November 1888 nicht von einem Tag auf den anderen aufgehört zu töten, wovon andere Experten ausgehen, nein, er hat weiter gemacht und zwar auf einem anderen Kontinent, in einem anderen Land, in den USA. 


Der erfahrene britische Kriminalist hat mehrere Jahre damit zugebracht, Polizeiakten zu studieren, historische Zeugenaussagen zu lesen und Beweisstücke zu sichten. In den alten Akten ist er dabei auf eine interessante Information gestoßen. 


Am 1. September 1894 wird in New York City die 56jährige Vermieterin Juliana Hoffman ermordet. Der Täter wird allerdings vom Sohn des Opfers beobachtet und kann unmittelbar nach der Tat von einer aufgebrachten Menschenmenge gestellt und daraufhin von der herannahenden Polizei verhaftet werden. Es ist der deutsche Seemann Carl Ferdinand Feigenbaum. In seiner Verhandlung tischt er dem Richter eine abenteuerliche Geschichte auf, die aber durch die Indizien und die Zeugenaussage des Sohnes Hoffmanns eindeutig widerlegt werden kann. Feigenbaum wird am 27. April 1896 in dem amerikanischen Hochsicherheitsgefängnis Sing Sing auf dem Elektrischen Stuhl hingerichtet. 


Interessant wird dieser Fall nun für Trevor Marriott durch ein Interview, das Feigenbaums Anwalt William Sanford Lawton nach der Hinrichtung seines Mandanten der Presse gibt und das aktenkundig geworden ist. Lawton bezichtigt darin seinen ehemaligen Mandanten Jack the Ripper zu sein: „Ich wette, wenn die Polizei die letzten Jahre Feigenbaums genauer untersuchen würde, führte die Spur geradewegs nach London, zu den Whitechapel-Morden.“ 


Als der britische Kriminalist das erfährt, ist er sofort wie elektrisiert und forscht in den Akten weiter nach. Zu seinem Erstaunen stößt er dabei auf eine Reihe von Ungereimtheiten und Widersprüchen, die die Theorie vom deutschen Seemann Jack the Ripper erhärten. 

Dear Boss Brief Jack the Ripper

Er findet heraus, dass Carl Ferdinand Feigenbaum gar nicht Carl Ferdinand Feigenbaum ist. Wahrscheinlich hieß er in Wahrheit Carl oder Anton Zahn, vielleicht sogar Strohband mit Nachnamen. Auch der Beruf, der in den Gefängnisakten von Sing Sing angegeben ist, Gärtner, kann nicht stimmen, meint Marriott, denn Feigenbaum ist zur See gefahren. Dann stößt er schließlich auf einen letzten Hinweis, der den erfahrenen Mordermittler überzeugt: Feigenbaum passt perfekt ins Profil. In den Akten steht nämlich noch eine weitere Aussage von Feigenbaums Anwalt William Sanford Lawton, dem dieser sich vor seiner Hinrichtung anvertraut hat: „Er leide unter einem inneren krankhaften Zwang, jede Frau, die ihm in die Hände falle, … ermorden zu wollen.“ 


Trevor Marriott weiß, als Seemann wäre es Jack the Ripper ein Leichtes gewesen, immer wieder unerkannt zu entfliehen. Also sucht der britische Kriminalist sich die alten Unterlagen der Hafenbehörde heraus und entdeckt etwas Erstaunliches. Jedes Mal, wenn im Londoner East End im Herbst des Jahres 1888 eine Frau von Jack the Ripper geradezu bestialisch ermordet wird, liegt nur wenige Minuten entfernt an den Docks ein deutsches Schiff vor Anker. Seine Suche konzentriert sich schnell auf die Schiffe des Norddeutschen Lloyd aus Bremerhaven und schließlich auf ein Schiff namens „Reiher“.


Der letzte Beweis aber, dass Feigenbaum zur in Frage kommenden Zeit - unter welchem Namen auch immer - jedes Mal tatsächlich an Bord gewesen ist, fehlt Trevor Marriott bisher „noch“, wie er sagt: „Ich hoffe, dass sich über die Jahre hinweg einige entfernte Verwandte melden könnten und sich so herausstellt, wer er wirklich war.“ Dennoch ist für den erfahrenen Kriminalisten klar: „Der deutsche Seemann Carl Ferdinand Feigenbaum ist Jack the Ripper. Nach seiner Hinrichtung hörten die Morde auf.“


So überzeugt Marriott von der Theorie auch ist, so umstritten ist sie doch bei anderen Fachleuten. Die Idee, dass Jack the Ripper ein Seemann sein könnte, ist nämlich nicht ganz neu. Scotland Yard hat auch damals schon Ermittler an die nahegelegenen Docks geschickt, um diese Annahme zu überprüfen. Der Zollbeamte Edward Larkin hat seinerzeit drei verdächtige Schiffe gemeldet, unter ihnen allerdings nicht die deutsche „Reiher“. Dennoch ist auch Larkin damals schon davon überzeugt, dass Jack the Ripper unter den Seeleuten zu suchen sei. 


Den eigentlichen Todesstoß aber könnte Trevor Marriotts schöner Theorie vielleicht ein zeitgenössischer Zeitungsartikel der New York Times versetzen, in dem sich Feigenbaums zweiter Anwalt Hugh Owen Pentecost über die Theorie, Feigenbaum könnte die Bestie von Whitechapel gewesen sein, äußert: „Ich möchte meinem Kollegen die Geschichte ja nicht verderben, aber mir ist rein gar nichts aufgefallen, was Feigenbaum mit Jack the Ripper in Verbindung bringen könnte.“ 


Feigenbaum ist dann auch keineswegs der einzige, der als Täter in Frage kommt. An die 200 Verdächtige geraten im Laufe der Zeit in das Visier der Ermittler. Sir Melville Macnaghten, der bei Scotland Yard damals zuständige Ermittlungsleiter, erstellt am 23. Februar 1894 einen Report, in dem er als Tatverdächtige den 31jährigen britischen Lehrer und Anwalt Montague John Druitt nennt, ferner den russischen Dieb sowie Trickbetrüger Michael Ostrog und auch den psychisch kranken Polen Aaron Kosminski. In der Folge werden aber noch viele andere als mögliche Täter gehandelt, u. a. der Dr.-Jekyll-und-Mr.-Hyde-Darsteller Richard Mansfield, der Alice-im-Wunderland-Autor Lewis Caroll, der Sohn Eduards VII. Prinz Albert Victor und sogar Joseph Merrick, der aufgrund seiner seltenen Erkrankung als Elefantenmensch weltbekannt geworden ist. 


Selbst heute noch präsentieren professionelle Ermittler wie auch Hobby-Ripperologen immer neue Tatverdächtige. Die Schriftstellerin Patricia Cromwell etwa ist sich in den 1970er Jahren sicher, der deutschstämmigen Maler Walter Sickert sei Jack the Ripper. Als Anfang der 1990er Jahre das Tagebuch des Serienmörders für Schlagzeilen sorgt, gerät der britische Baumwollhändler James Maybrick in den Fokus. Doch das Tagebuch erweist sich als Fälschung, ebenso wie mehrere andere Gegenstände, die dem mysteriösen Täter gehört haben sollen. 


Ein australisches Forscherteam kommt 2006 nach DNA-Analysen schriftlicher Aufzeichnungen, die Jack the Ripper von Experten zugerechnet werden, zu der Überzeugung, der Täter sei in Wahrheit eine Frau. Oder ist es doch nur eine Postangestellte gewesen, die ihre Erbinformationen dort hinterlassen hat? 


Im gleichen Jahr erstellt die Metropolitan Police ein Phantom-Bild auf der Basis zeitgenössischer Zeugenaussagen. Demnach ist Jack the Ripper ein etwa 25 bis 35 Jahre alter Mann von 1,65 Meter bis 1,70 Meter Körpergröße, mit relativ hohem Haaransatz und Schnurrbart. Diese Täterbeschreibung passt übrigens zu den Angaben, die die Behörden über das Aussehen des deutschen Seemanns Carl Ferdinand Feigenbaum gemacht haben.


Gut möglich, dass wir die wahre Identität des berüchtigten Serienmörders niemals in Erfahrung bringen werden. Das Hauptproblem, das die Ermittler damals wie heute haben, ist, dass niemand weiß, welche Spuren dem Täter zuzurechnen sind. Unzählige Briefe und Bekennerschreiben, die mit „Jack the Ripper“ unterzeichnet sind, finden sich in den Polizeiarchiven. Aber welche davon sind echt? Ja, es lässt sich noch nicht einmal sagen, welche Opfer ihm überhaupt mit Sicherheit zuzuordnen sind. 


Die Metropolitan Police (bzw. New Scotland Yard) geht nämlich davon aus, dass nicht alle der sogenannten Whitechapel-Morde auf das Konto Jack the Rippers gehen. Den Ermittlern zufolge sind seinerzeit nämlich noch andere Mörder im Londoner East End unterwegs. Die Zeitabläufe verdeutlichen das.   


Am 3. April 1888 wird Emma Elizabeth Smith in der Osborn Street in Whitechapel attackiert. Sie stirbt einen Tag später im London Hospital an ihren schweren Verletzungen. Scotland Yard zählt sie nach heutigem Erkenntnisstand aber nicht zu den Opfern Jack the Rippers. 


Martha Tabram, die am 7. August 1888 mit 39 Stichwunden in Whitechapel getötet wird, ziehen die Ermittler allerdings bereits als mögliches Opfer des berüchtigten Serienmörders in Betracht. 


Die erste von fünf Frauen, die die Polizei der Bestie von Whitechapel heute mit einiger Sicherheit zuordnen kann, ist Mary Ann Nichols, die am 31. August 1888 in der Buck's Row aufgefunden wird. 


Am 8. September 1888 findet man Annie Chapman im Hinterhof der Hanbury Street 29, Spitalfields. Auch sie gehört mit großer Wahrscheinlichkeit zu den Opfern Jack the Rippers. 


Scotland Yard erhält am 29. September 1888 über Umwege einen Brief mit den Anfangsworten „Dear Boss“, datiert auf den 25. September 1888. In diesem Brief taucht erstmals der Name Jack the Ripper auf. 


Elizabeth Stride und Catherine Eddowes werden am 30. September 1888 kurz nacheinander ums Leben gebracht, beide sehr wahrscheinlich von dem gefürchteten Serienmörder. 


In der Goulston-Street wird am 30. September ein Graffiti entdeckt, das im Zusammenhang mit den Morden stehen könnte. Die Polizei lässt es allerdings entfernen, ohne es vorher zu fotografieren. 


Die sogenannte Saucy-Jack-Postkarte geht am 1. Oktober 1888 bei der Nachrichtenagentur Central News Agency ein, die zuvor auch schon den Dear-Boss-Brief erhalten und ihn an Scotland Yard weitergeleitet hat. 


Am 9. Oktober 1888 trainiert die Polizei im Regent's Park sowie einen Tag später auch im Hyde Park mit Bluthunden, die aber letztendlich nicht auf die Spur des Täters angesetzt werden.


George Lusk, der Anführer einer Whitechapeler Bürgerwehr, erhält am 16. Oktober einen Brief, laut Absender „From Hell“, also direkt „Aus der Hölle“, zusammen mit einer halben Niere zugeschickt, die Ermittlungen zufolge von Catharine Eddowes stammen könnte. 


Mary Jane Kelly ist vielleicht das letzte Opfer Jack the Rippers. Sie wird 9. November in Spital Fields aufgefunden.


Doch in Whitechapel geht das Morden weiter. Am 20. November wird Annie Farmer in der George Street überfallen. Im Gegensatz zu den ersten Annahmen stellt sich später heraus, dass es wohl ein anderer Täter war, der sie angegriffen hat.


Rose Myllet wird in der High Street, Clarke's Yards, am 20. Dezember entdeckt. Die Londoner Polizei schließt sie allerdings von den Opfern des berüchtigten Serienmörders heute aus. 


Am 17. Juli 1889 wird Alice McKenzie umgebracht, aber wohl von einem anderen, wie die Ermittler vermuten. 


Im Londoner East End wird am 10. September 1889 ein nicht mehr zu identifizierender Torso aufgefunden. Scotland Yard geht davon aus, dass Jack the Ripper nicht involviert gewesen ist. Gewissheit gibt es bis heute nicht. 


Frances Coles wird am 13. Februar 1891 in Whitechapel entdeckt. Auch diese Tat wird Jack the Ripper heute von offizieller Seite nicht zugerechnet. Laut Scotland Yard enden die sogenannten „Whitechapel-Morde“ mit Coles’ Tod. 


CS