
Die Lust am Gruseln
Kann man sich so sehr fürchten, dass das Blut in den Adern gerinnt? Das wollten niederländische Forscher genauer wissen und starteten ein interessantes Experiment. Banne Nemeth und sein Tevon der Universität Leiden zeigten ihren Versuchsteilnehmern einen 90minütigen Horrorfilm, sowie zum Vergleich einen Dokumentarfilm von 90 Minuten Dauer. Das Blut, das den Probanden jeweils vor und nach dem Filmkonsum abgenommen wurde, brachte es an den Tag: Der Horrorfilm hatte den sogenannten Blutgerinnungsfaktor VIII um durchschnittlich 11,1 Einheiten pro Deziliter (IU/dl) in die Höhe getrieben.
„Das könnte durchaus klinisch relevant sein“, resümiert Nemeth die Untersuchungsergebnisse, „denn jede Zunahme des Gerinnungsfaktors VIII um 10 Einheiten pro Deziliter erhöht das Risiko einer Thrombose um 17 Prozent“. Interessanterweise nahmen andere an der Blutgerinnung beteiligte Stoffe aufgrund des Horrorfilmschauens nicht zu, so dass Nemeth auch gleich wieder beruhigen kann: „Das deutet darauf hin, dass die Blutgerinnungskaskade von der akuten Angst zwar beeinflusst wird, dies aber nicht zu einem Blutgerinsel durch die Bildung von Thrombin bzw. Fibrin führt.“
Evolutionär betrachtet, macht das durchaus Sinn. Die Angst ist nämlich entwicklungsgeschichtlich dazu da, um uns vor einer drohenden Gefahr zu warnen und die Sinne zu schärfen. Sie versetzt unseren Organismus in Alarmbereitschaft und bereitet ihn auf eine geeignete Reaktion für den Fall eines Falles vor, und das bedeutet: Flucht oder Kampf. Beides kann mit einem Blutverlust einhergehen und so macht es durchaus Sinn, wenn unser Organismus sich genau darauf schon einmal eingestellt hat, vorsorglich sozusagen. Auch wenn wir heute in einer Zeit leben, in der sich niemand mehr vor einem angreifenden Säbelzahntiger oder Höhlenbären fürchten muss, so ist die Angst doch geblieben.
Ja, es kann sogar Spaß machen, mit dieser Angst zu spielen. Angstlust nennen Psychologen das, wenn wir uns bewusst dieser gemischten Gefühlslage aus Furcht, Hoffnung und Wonne hingeben. Wie in einer echten Gefahr schüttet unser Organismus nämlich auch beim Lesen eines Gruselromans, beim Betrachten eines schaurigschönen Bildes oder beim Spielen eines unheimlichen Computerspiels Stresshormone aus, u. a. Adrenalin. Der Blutdruck steigt und die Herzfrequenz wird erhöht. Fällt die Anspannung dann später wieder ab, etwa durch ein Happy-End, schüttet der Körper nun im Gegenzug Glückshormone aus und belohnt uns so u. a. mit Endorphinen.
Diese Angstlust kann allerdings nur dann funktionieren, wenn bestimmte Voraussetzungen erfüllt sind, haben die Psychologen herausgefunden. Zum einen müssen wir uns in Sicherheit befinden, also beispielsweise im Kinosessel, und nicht etwa in einer echten Gefahrensituation, denn dann wäre die Angst ja berechtigt und könnte nicht so schön genossen werden. Zum anderen ist es wichtig, dass wir uns selbstbestimmt bzw. freiwillig dieser Gruselsituation aussetzen und nicht dazu gezwungen werden. Darüber hinaus dürfen die individuellen Grenzen nicht überschritten werden: Was dem einen lediglich ein müdes Lächeln entlockt, kann nämlich für den anderen schon den blanken Horror bedeuten.
Gruseln bedeutet allerdings noch mehr als das. Beim Gruseln kommt nämlich noch ein unheimliches Element dazu, etwas Unbekanntes, Jenseitiges, Übernatürliches, Böses, zumindest aber seltsam Irritierendes oder auch nur Andersartiges. Auch hier sind die Grenzen wieder individuell ganz verschieden, wie Studien zeigen. So manch einer gruselt sich nämlich schon in ganz normalen Alltagssituationen oder sogar vor seinen Mitmenschen.
Die Psychologen Francis McAndrew und Sara Koehnke haben das am Knox College in Galesburg, USA, näher untersucht. In einer repräsentativen Studie fanden sie beispielsweise heraus, dass vielen Menschen der Beruf des Tierpräparators unheimlich ist. In der Untersuchung wurde er in Sachen Gruseligkeit nur noch vom Clown übertroffen. Gruselig fanden die Befragten es aber auch schon, wenn ein Fremder einfach nur fettiges Haar hat oder extrem dünn ist. Ganz oben auf der Hitliste des Unheimlichen stand vor allem außergewöhnliches Verhalten.
So stufte die Mehrheit der Versuchsteilnehmer es als sehr gruselig ein, wenn ein Unbekannter sie über die Familie eines ihrer Freunde ausfragt oder aber wenn sie selbst mitbekommen, wie ein fremder Mensch einen ihrer Freunde beobachtet.
Die beiden amerikanischen Psychologen beendeten ihre Untersuchung mit einer spannenden Frage: Wissen die meisten gruseligen Leute überhaupt, dass sie gruselig sind? Die Ergebnisse sind interessant: 115 der Befragten meinten „Ja“, 429 der Probanden antworteten mit „Weiß ich nicht“ und ganze 797 waren der Ansicht „Nein“.
Um uns so richtig zu gruseln brauchen wir demnach also keine Ströme von Blut. Oft sind es nur Kleinigkeiten, winzige Unstimmigkeiten, die einem einen Schauer über den Rücken jagen, Andersartigkeiten oder Ungewissheiten, die Zweifel wecken und Alarmsignale schrillen lassen, aber gleichzeitig auch neugierig machen und faszinieren können.
Der Japaner Masahiro Mori wollte das genauer wissen und begann eigene Nachforschungen. Dabei stieß er auf das sogenannte Uncanny Valley (dt.: Unheimliches Tal). Der Tokyoer Robotikfachmann stellte die Hypothese auf, dass Roboter ernstzunehmende Akzeptanzprobleme bekommen können, wenn sie uns immer ähnlicher werden. Mori zufolge ist es nämlich keineswegs so, dass die Akzeptanz von Robotern mit ihrer Menschenähnlichkeit proportional immer weiter zunimmt. Vielmehr klaffe auf dem Weg eine riesige Lücke in der Akzeptanz, das Unheimliche Tal: Sieht nämlich etwas aus wie ein Mensch und verhält sich auch wie ein Mensch, dann fallen uns selbst kleinste Abweichungen besonders unangenehm auf. Wir finden sie unheimlich und fürchten uns vor der Andersartigkeit. Aktuell wird gerade im Hinblick auf die Künstliche Intelligenz (KI) in diesem Bereich viel geforscht.
Andere Wissenschaftler haben Moris Unheimliches Tal inzwischen auf fiktionale Charaktere in Horrorfilm, Computerspiel und Co. ausgeweitet. Einen Ausweg aus dem Unheimlichen Tal kennt Mori übrigens auch: Ein Design, das sich deutlich von der Menschenähnlichkeit abgrenzt, wird ganz sicher akzeptiert. Genau das wollen die Gruselfilme, -comics, -romane und -computerspiele aber eben gerade nicht: Sie platzieren ihre Figuren ganz bewusst im Unheimlichen Tal und lassen uns dort mit ihnen allein. Aber gerade das ist ja das Schöne daran.
CS
