
Das seltsame Geräusch
Von Wolff Arvika
Meine Geschichte beginnt mit Janine, einer liebenswerten jungen Frau, die Ende zwanzig war, als sie bei ihren Eltern auszog und sich eine schmucke kleine Altbauwohnung gönnte. Zwar knarrte das alte Gebäude hier und da ein wenig, aber dafür verströmte es den unvergleichlichen Charme der vergangenen Jahrhunderte. Ihr gut bezahlter Job im IT-Bereich warf genug ab, um ausgezeichnet davon leben zu können. So fehlte es ihr an nichts. Erst kürzlich hatte sie einen jungen Mann kennengelernt und die Romanze nahm langsam aber stetig an Fahrt auf. Alexander war ein sportlicher Typ, geradezu athletisch gebaut, mit einem gut definierten Waschbrettbauch, und hatte obendrein auch noch ein hübsches Gesicht, das Janine überaus gut gefielt. Wenn er nicht gerade Sport machte, dann hörte er Musik, am liebsten so laut, wie es nur geht. Die junge Frau mochte ihn und seine beiden Hobbys sehr. Alles lief gut für sie - bis zu dieser Nacht im September des Jahres 2029.
Janine war schon früh zu Bett gegangen, weil sie am nächsten Tag einen wichtigen beruflichen Termin hatte, den sie auf gar keinen Fall unausgeschlafen angehen wollte. Es war kurz nach Mitternacht, als sie begann, etwas zu frösteln und so zog sie sich die Bettdecke bis ins Gesicht hinauf. Im Schlafzimmer war es in der Tat etwas kühl geworden, aber Janine störte das nicht, denn noch nirgendwo anders hatte sie je so gut geschlafen wie in diesem schönen alten Gebäude, weder in ihrem Elternhaus noch in einem der Hotels, in denen sie aus beruflichen Gründen hin und wieder übernachten musste. Nachts war im ganzen Haus nicht das kleinste Geräusch zu vernehmen, selbst das Knarren der alten Balken verstummte. Die Straßenlaterne vor ihrem Fenster war schon lange außer Funktion, so dass der Raum fast in völlige Dunkelheit gehüllt war. Ja, so ließ es sich hervorragend schlafen.
Doch in dieser besagten Nacht im September des Jahres 2029 war ihr so, als hörte sie doch ein Geräusch, ein sehr leises nur, ein flüchtiges, eines, das praktisch kaum zu vernehmen war. Im Halbschlaf bekam sie es so gut wie gar nicht mit und schon am nächsten Morgen hatte sie es auch fast schon wieder vergessen und als Traum abgetan. Doch es war kein Traum. Schon in der nächsten Nacht war es wieder da, leise und unbestimmt wie in der Nacht zuvor. Dieses Mal lag Janine hellwach im Bett und überlegte angespannt, was dieses Geräusch wohl verursachen konnte und vor allem, woher es kam. Doch, so sehr sie sich auch bemühte und in die Dunkelheit hinein horchte, sie schaffte es nicht, das seltsame Geräusch zu identifizieren oder festzustellen, was die Ursache dafür war.
Das wenige Mondlicht, das durch das Fenster fiel, tauchte den Raum in eine geradezu gespenstische Atmosphäre. Die großformatigen Schwarzweißfotografien, die über der schweren Eichenvitrine hingen, die Janine aus ihrem Elternhaus mitgebracht hatte, nahmen praktisch die gesamte Wand ein und erzeugten in diesem spärlichen Licht eine düstere und beklemmende Atmosphäre. Der abgewetzte lederne Ohrensessel, der direkt neben der Vitrine zusammen mit einem hölzernen Beistelltisch stand, warf einen geradezu bizarr verzerrten Schatten an die Wand. Eine unheimliche Atmosphäre hatte sich in dem Zimmer ausgebreitet - und nun auch noch dieses Geräusch.
Am liebsten hätte sie es einfach ignoriert, sich umgedreht und weitergeschlafen, aber irgendetwas an diesem Geräusch beschäftigte ihr Gehirn. ‚An was erinnert es mich bloß?‘, fragte sie sich, während sie mit offenen Augen in ihrem Bett lag und die Decke anstarrte. Obwohl es recht kühl in dem Zimmer war und sie nur ein dünnes Nachthemd trug, setzte sie sich auf und drehte den Kopf in alle Richtungen, um herauszufinden, woher es kam. Plötzlich war nichts mehr zu hören. ‚Seltsam‘, meinte sie und versuchte möglichst still und ohne jede Bewegung zu verharren, um besser in die Dunkelheit horchen zu können.
Aber nein, da war nichts, absolut gar nichts. Das Geräusch war weg. Janine saß noch eine ganze Weile so in ihrem Bett da und lauschte, aber sie konnte es beim besten Willen nicht mehr vernehmen. Es war weg.
‚Hm‘, dachte sie und wollte sich gerade wieder hinlegen, um weiterzuschlafen, da war es plötzlich wieder da, das Geräusch. Nun fiel ihr auch plötzlich ein, an was sie dieses Geräusch erinnerte und jetzt hörte sie auch, woher es kam: Da schien jemand zu atmen und zwar in ihrem Wandschrank!
Das konnte aber nicht sein. Oder? Janine war keine Frau, die sich leicht ängstigte und so ergriff sie beherzt die schwere metallene Stabtaschenlampe, die neben ihrem Bett stand, schaltete sie ein und schwang sich in einem Zug aus dem Bett. Mit großen Schritten ging sie energisch auf den Wandschrank zu und riss die schwere Eichentür auf. Das Innere des Schrankes wurde augenblicklich von dem starken Lichtkegel der Taschenlampe erhellt, die die junge Frau wie einen überdimensionalen Schlagstock in der rechten Hand hielt, bereit sofort damit zuzuschlagen, ganz gleich, was sich in dem Schrank auf verbarg. Doch da war nichts. Ihre Blusen, Jacken und Mäntel hingen so wie immer ordentlich aufgereiht an ihren Haken. Darunter standen einige ihrer Winterschuhe sowie Stiefel, die in der Beistellkammer keinen Platz mehr gefunden hatten, in Reihe und Glied. Alles sah aus wie immer. Kein Grund zur Sorge also. Doch Janine blieb skeptisch.
Also stieß sie die Taschenlampe mehrfach hart zwischen die Kleiderstücke, bis an die hölzerne Rückwand des Schrankes heran, um sicher zu gehen, dass in dem Schrank auch wirklich nichts und niemand war. Jedes einzelne Mal begann das Licht daraufhin kurz zu flackern, da die Lampe für derart harte Stöße nicht konzipiert war, doch das störte die junge Frau nicht. Was auch immer dieses Geräusch verursacht haben mochte, es war nicht in diesem Schrank - oder doch zumindest nicht mehr.
Die nächsten Tage und Nächte verliefen ohne jegliche Störung. Das Geräusch war weg und tauchte auch nicht mehr auf. Der ganz normale Alltag war wieder eingezogen. Janine ging wie immer ihrer Arbeit nach und wahrscheinlich hätte sie das seltsame Geräusch schon bald wieder vergessen gehabt, wenn da nicht diese eine Nacht gewesen wäre, die alles veränderte.
Am späten Abend war Alexander mit in die Wohnung gekommen und die beiden feierten gut gelaunt bei einem Glas Sekt und zugegebenermaßen mal wieder recht lauter Musik seine Beförderung zum Teamleiter. Danach schauten sie angeheitert noch etwas Fernsehen und gingen dann gemeinsam zu Bett. Janine beeilte sich, als Erste ins Bett zu kommen, um beobachten zu können, wie Alexander sich auszog. Sie liebte seinen durchtrainierten muskulösen Körper und konnte sich gar nicht satt genug daran sehen. Also wartete sie still und leise im Dunkeln unter ihrer Bettdecke, bis ihr Lover aus dem Badezimmer kommen würde und sich vor ihr auszog. In dem Moment, in dem der junge Mann den Raum betrat, war es mit einem Mal wieder da, das seltsame Geräusch. Janine hatte es selbst noch gar nicht bemerkt, aber Alexander, der direkt neben dem Wandschrank stand, stutzte.
„Hast du da drinnen etwa einen Liebhaber versteckt?“, scherzte er.
„Mach doch auf und sieh nach“, lachte Janine.

Gutgelaunt öffnete Alexander zum Spaß die Schranktür und schon im nächsten Augenblick griffen zwei dürre knöcherne Arme blitzschnell aus dem Dunkel des Schrankes heraus und umfassten seine beiden Handgelenke fest wie Schraubstöcke. Alexander verfiel augenblicklich in eine Schockstarre. Er stand nur da und starrte auf diese skurril langen Arme, die mit einer pergamentartigen aschfahlen Haut überzogen waren. Die langen dünnen Finger hatten extrem verkrümmte, gelblich braune Fingernägel, die den Klauen von Raubtieren ähnelten. Noch bevor Alexander reagieren konnte, wurde er auch schon mit einem kräftigen Ruck in das Dunkel des Schrankes gezogen.
Janine zögerte nicht einen einzigen Augenblick, als sie das sah. Sie warf die Bettdecke zurück, schwang sich in einem Zug aus dem Bett und ergriff die schwere Stabtaschenlampe, die auf dem Fußboden neben ihrem Nachtschrank stand. Im gleichen Moment schnellte eine dürre sehnige Hand unter dem Bett hervor und ergriff ihren Arm. Janine konnte nicht glauben, was gerade geschah. Da war noch eins von diesen Dingern und zwar unter ihrem Bett! Entschlossen zu kämpfen, trat sie mit ihrem nackten Fuß auf den Arm ein und zwar so stark wie sie nur konnte. Aber die Kreatur unter dem Bett ließ nicht los. Ganz im Gegenteil sogar versuchte sie nun auch noch mit ihrer zweiten Hand Janines Bein zu umklammern.
So sehr die junge Frau auch um sich trat, es gelang ihr einfach nicht, sich aus dem festen Griff zu befreien. Dann verlor sie das Gleichgewicht und schlug hart auf den Holzboden auf. Augenblicklich versuchte die Kreatur sie unter das Bett zu ziehen, doch Janine gelang es noch im letzten Moment, sich mit einem Bein am Stahlgestell des Bettes abzustützen. Mit dem anderen Bein trat sie nun unnachgiebig fest und hart zu, immer und immer wieder. Und wirklich, das hatte Erfolg. Das Wesen lockerte für einen kurzen Moment seinen Griff. Dieser winzige Augenblick reichte Janine aus, um zu entkommen.
Entschlossen Alexander vor diesen Wesen zu retten, lief sich zum Wandschrank hinüber. Dass die spindeldünne Kreatur unter ihrem Bett hervorkroch und ihr folgte, bemerkte sie nicht. Mit einem beherzten Ruck riss sie die schwere Eichentür des Schrankes auf, die inzwischen zugefallen war, und griff, ohne überhaupt irgendetwas erkennen zu können, mit beiden Armen in das Dunkel des Schrankes hinein und zwar genau an der Stelle, wo sie Alexander verschwinden gesehen hatte. Als sie den Körper spürte, umklammerte sie ihn blitzschnell und zog ihn mit einem scharfen Ruck aus dem Schrank heraus. Doch das war nicht Alexander, den sie da in ihren Armen hielt, sondern eine der aschfahlen Kreaturen. Geschockt stieß sie das Ding mit einer halben Körperdrehung von sich. Der zweite Unhold lief praktisch genau in den ersten hinein und schrie laut auf. Es war ein schriller, unmenschlicher Schrei, der Janine durch Mark und Bein drang.
Nun schrie auch die andere Kreatur und die beiden begannen plötzlich einen wilden Kampf. Die junge Frau stand geschockt daneben. Innerhalb des Bruchteils einer Sekunde entschied sie sich dazu, in den Schrank zu steigen und die Türen hinter sich zuzuwerfen. Im Inneren waren die schweren Schlösser der Eichentüren mit Stahlstangen verbunden, die oben und unten in speziellen Aussparungen des Schrankes einrasten konnten. Diese Stahlstangen ergriff sie nun und zog sie so hart an sich wie sie nur konnte, fest dazu entschlossen, nichts und niemanden eindringen zu lassen. Draußen im Zimmer tobte derweil der Kampf der beiden unheimlichen Wesen. Janine hörte, wie sie dabei anscheinend die gesamte Wohnung verwüsteten. Es schien ihr so, als wolle der Kampf kein Ende nehmen. Die Zeit verging einfach nicht. Aber zumindest war die junge Frau in dem Schrank so lange in Sicherheit.
Als Janine am nächsten Morgen erwachte, konnte sie sehen, wie das grelle Sonnenlicht durch die Schlüssellöcher des Schrankes fiel. Es war still im Schlafzimmer geworden. Nachdem sie eine Weile nur horchend dagesessen hatte, wagte sie einen Blick durch eines der Schlüssellöcher. Das Zimmer war verwüstet, aber die Kreaturen waren nicht mehr zu sehen. ‚Vielleicht vertragen sie das Sonnenlicht nicht‘, dachte Janine, und öffnete ganz vorsichtig und langsam eine der Schranktüren einen winzigen Spalt breit. Aber auch jetzt war nichts von den Wesen zu entdecken. Wie in Zeitlupe öffnete sie die Tür und stieg langsam und leise aus dem Schrank. Anscheinend waren sie weg.
Nach jedem einzelnen Schritt vorsichtig innehaltend, ging sie mit wachsamem Blick zu dem alten Ledersessel hinüber, auf den sie ihr Nachthemd abgelegt hatte. Sie nahm es, warf es rasch über, und schlich langsam über den Flur zu ihrer Wohnungstür. ‚Bloß weg von hier‘, dachte sie und wollte gerade durch die Tür auf den Hausflur schlüpfen, da fiel ihr das Handy ein. Das brauchte sie schließlich, um die Polizei rufen zu können. Sollte sie noch einmal umkehren und zurück in die Wohnung gehen? Und wenn die Kreaturen noch da waren? In dem totalen Durcheinander, das in ihrer Wohnung herrschte, würde sie es wahrscheinlich ohnehin nicht wiederfinden. Also entschloss sie sich kurzerhand dazu, bei einer Nachbarin Zuflucht zu suchen und von dort aus die Polizei zu verständigen.
Janine wusste, dass der riesige Altbau zu dieser Zeit nahezu menschenleer war, denn praktisch alle Bewohner waren arbeiten. Nur eine alte Dame, etwas weiter den Flur hinauf, war eigentlich immer zu Hause. Sie war Janines einzige Chance. Also lief sie die wenigen Meter bis dahin und klingelte dort angekommen Sturm. Als nicht sofort geöffnet wurde, hämmerte sie mit beiden Fäusten gegen die Wohnungstür.
„Wer ist denn da?“, fragte die alte Dame etwas zögerlich durch die Wohnungstür hindurch.
„Ich bin es, Janine, ihre Nachbarin. Schnell, machen Sie bitte auf. Schnell!“
Janine bemerkte, dass die Greisin durch den Türspion hindurch schaute.
„Machen Sie doch bitte auf! Beeilen Sie sich!“
Dann wurde der Schlüssel im Schloss gedreht und noch ehe die Tür ganz geöffnet war, drängte Janine sich auch schon in die Wohnung hinein. Dort drückte sie die Tür sofort wieder hinter sich zu und schloss mit dem Schlüssel ab, der immer noch im Schloss steckte.
„Um Himmels Willen, Kind, was ist denn los?“
Sie konnte der Frau selbstverständlich nicht die Wahrheit sagen. Sie hätte ihr natürlich nicht geglaubt. Niemand würde ihr glauben.
„Bei mir ist eingebrochen worden und ich denke, die Einbrecher sind noch da. Wir müssen sofort die Polizei rufen.“
„Das ist ja schrecklich, Kind. Setz dich doch erst einmal. Ich habe mir gerade einen frischen Tee aufgebrüht. Warte, ich hole dir eine Tasse.“
„Nein, nein, Sie verstehen nicht. Die Einbrecher sind wahrscheinlich noch in meiner Wohnung. Wir müssen zuerst die Polizei verständigen.“
Die Greisin ließ sich aber nicht aus der Ruhe bringen und ging seelenruhig zu einem kleinen Schrank hinüber, in dem sie gemächlich nach einer Teetasse suchte.
„Wo ist Ihr Telefon? Ich mache das selber.“
„Ach, mein Kind, nun beruhige dich doch erst einmal“, sagte die Alte und goss umständlich und geradezu in Zeitlupe Tee in die Tasse. „Ich gehe doch schon“, sagte sie, während sie die Tasse mit dem Tee auf ein kleines Tischchen abstellte, das vor dem Sofa stand. Janine konnte gar nicht hinsehen und wurde fast verrückt vor Ungeduld.
„Ich rufe die Polizeibeamten ja an, Kind. Aber setz dich doch bitte erst einmal hin und trinke den Tee. Das beruhigt.“
Während ihre Nachbarin das sagte, blieb sie stehen und schaute Janine erwartungsvoll an. Die verstand sofort, dass es schneller gehen würde, wenn sie einfach einen Schluck von dem Tee nahm, was sie dann auch tat.
„Zufrieden?“
„Glaube mir doch, Kind, es ist besser, wenn du dich erst einmal beruhigst. Das Telefon ist nebenan. Ich gehe ja schon. Das ist noch so ein Festanschluss oder wie nennt sich das heute noch gleich?“, meinte die Alte und ging behäbigen Schritts in die Küche.
Janine schüttelte nur den Kopf, beruhigte sich dann aber, als sie hörte, wie ihre Nachbarin endlich wählte.
„Hallo, ja? Ist das die Polizei? Meine Nachbarin ist bestohlen worden. Ganz, ganz schlimm, was da passiert ist, und nun hat sie wohl Angst, dass die Männer zurückkommen, wissen Sie. Kommen Sie bitte schnell, … ja, junger Mann, das kann ich Ihnen ganz genau sagen. Wir wohnen hier in der Goethestraße 45 und ich habe die Wohnungsnummer ... ach, nein, sie benötigen ja die Adresse von meiner Nachbarin. Das müsste die Wohnung 45-12 sein.“
„Ja, richtig, 45-12“, rief Janine in die Küche. Sie spürte wie sie sich langsam aber sicher entspannte, als die alte Dame aus der Küche zurückkam.
„Siehst du, mein Kind. Das wird alles gut. Die Beamten wollen gleich vorbeikommen, haben sie gesagt.“
„Vielen lieben Dank.“
„Nun erzähle mir doch erst einmal, was passiert ist und trinke deinen Tee.“
Janine leerte die Tasse mit dem lauwarmen Tee in einem großen Schluck und schüttelte den Kopf.
„Das würden Sie mir niemals glauben.“
Die junge Frau spürte, wie die Angst von ihr wich. Jetzt war sie in Sicherheit. Gleich würde die Polizei kommen und ihre Wohnung gründlich durchsuchen. Dann könnte sie in deren Beisein einen Koffer packen und mit den Beamten zusammen die Wohnung verlassen. Denn eines wusste Janine genau: In diese Wohnung würde sie nie wieder zurückkehren. Janine entspannte sich und bemerkte, wie müde sie doch eigentlich war.
„Mein Kind, was ist denn nun genau geschehen?“
„Ähem, wie soll ich das sagen? Einbrecher. Plötzlich waren sie da und haben alles durchwühlt.“
„Das stimmt doch aber gar nicht“, sagte die Alte mit ernstem Blick.
„Wie bitte?“
„Das waren doch keine Einbrecher, die deine Wohnung verwüstet haben. Das waren doch die Nyktiden oder etwa nicht?“
„Wie bitte, was?“
„Na, die Geschöpfe, die in deinem Wandschrank waren und unter deinem Bett, Nyktiden.“
„Was? Sagen Sie bloß, Sie haben Sie auch gesehen?“
„Ja, aber natürlich, mein Kind.“
„Das gibt es ja gar nicht“, freute sich Janine. „Wenigstens ein Mensch, der mir glaubt.“
„Nein, so ist das nicht, mein Kind.“
„Wie bitte? Aber Sie haben doch gerade eben selbst gesagt, dass Sie sie auch gesehen haben.“
Janine verstand nicht. Ihre Gedanken waren wie vernebelt.
„Das habe ich gesagt. Das ist richtig. Nein, ich meinte den Teil mit dem Menschen. Ich bin kein Mensch, ebenso wenig wie meine beiden Söhne Menschen sind. Wir sind Nyktiden, Wesen der Nacht.“
Janine war entsetzt, diese Worte zu hören, obwohl sie nur noch dumpf und leise an ihr Ohr durchdrangen. Sie konnte nicht mehr reagieren, das Gift in dem Tee hatte ihre Muskeln schon zu sehr gelähmt.
„Aaaber ... “
„Ach Kind, gib es doch zu. Du hast mich noch nie richtig angesehen. Ich bin zwar deine Nachbarin, seit langer Zeit schon, aber du weißt nichts über mich, rein gar nichts. Eigentlich mochte ich dich immer, weißt du. Darum habe ich auch meinen beiden Söhnen verboten, dich anzurühren. Aber dann brachtest du eines Tages diesen jungen muskulösen Mann mit ins Haus und der gefiel mir nun gar nicht. Das war ein ganz schrecklicher Kerl, so ungehobelt, so unerzogen, so laut. Diese Musik, die er immer gehört hat … schrecklich, ganz schrecklich. Also nein, mein Kind, so geht das einfach nicht. Wir sind Geschöpfe der Nacht und lieben die Stille.“
Janine vernahm diese Worte kaum noch. Ihre Sinne waren schon zu sehr geschwunden. Jetzt wusste sie, dass die Polizei nicht kommen würde, weil die Alte sie gar nicht gerufen hatte. In ihrer Aufregung hatte sie nicht einmal bemerkt, dass in der ganzen Wohnung die Jalousien herunter gelassen waren, um das Tageslicht abzuschirmen. Das letzte, was sie noch mitbekam, war, wie die Alten mit ihren dünnen langen Fingern ihre Handgelenke umfasste und so die knöchernen aschfahlen Arme zum Vorschein kamen. Warum nur war ihr das zuvor nie aufgefallen? Wahrscheinlich hatte die Alte Recht, sie hatte ihre Nachbarin einfach nie richtig angesehen. Sie wusste nichts über sie, rein gar nichts. Janine schloss ihre Augen, als die Greisin damit begann, sich ihren Unterkiefer auszurenken, ganz so wie Schlangen es tun, bevor sie eine große Beute verschlingen.
ENDE