
Al Capone und die Prohibition: Aufstieg und Fall des Chicagoer GangstersEinige gesetzestreue Bürger sahen in ihm den Staatsfeind Nr. 1, die Presse nannte ihn Scarface (dt. Narbengesicht) und seine Freunde sagten einfach Snorky oder auch Al zu ihm. Die Rede ist von Chicagos Obergangster Alphonse Gabriel Capone, einem Mann mit vielen Gesichtern. Um ein Haar wäre er professioneller Baseballspieler geworden, doch er entschied sich anders und wurde zu dem Mythos, den heute jeder kennt, oder besser gesagt, zu kennen glaubt.
Als Kind neapolitanischer Einwanderer am 17. Januar 1899 in Brooklyn, New York, geboren, begann er schon früh Baseball zu spielen und gründete zusammen mit seinem älteren Bruder Ralph noch im Jahr 1918 ein semiprofessionelles Team namens Capone's All Stars. Die Capones spielten gar nicht mal schlecht, wie einige Zeitungsartikel, u. a. des Brooklyn Citizen vom 6. Juni 1918 oder vom 23. Juni 1918 zeigen, in denen darüber berichtet wurde, wie die Capone's All Stars über das Team der Lockports siegten.
Doch zu dieser Zeit war Al Capone auch schon längst im kriminellen Milieu unterwegs, Mitglied verschiedener Jugendbanden gewesen und arbeitete schließlich als Barkeeper und Rausschmeißer im Harvard Inn auf Coney Island, dem Hauptquartier des New Yorker Gangsterbosses Frankie Yale. Capone lernte damals von seinem großen Vorbild Yale, dass sich mit Gewalt und Brutalität allein keine guten Geschäfte machen lassen.
Im Jahr 1918 kam Al Capone auch zu den Narben, die er selbst als Kriegsverletzung ausgab und die ihm seinem Spitznamen Scarface (dt. Narbengesicht) einbrachten. Doch die Sache mit der Kriegsverletzung stimmt ebenso wenig wie die Legende, dass der Gangster Frank Gallucio ihm diese Narben bereits 1917 zufügte, weil Capone angeblich dessen Schwester beleidigt habe.
Wie es wirklich war, erfuhren die Leser der Brooklyn Daily Times in einer Meldung vom 9. Dezember des Jahres 1918, wonach ihn in der Nacht des 8. Dezembers zwei Männern angegriffen hätten: „Einer von ihnen schlitzte seine rechte Wange mit einem Messer auf.“ Aber selbst dieser Zeitungsartikel machte einen Fehler, da geschrieben wurde, dass seine rechte Seite aufgeschlitzt wurde, denn in Wahrheit war es die linke Wange. Seit dieser Nacht zierten drei lange Narben das Gesicht und machten aus Snorky, was eigentlich ein Slangausdruck für einen stilvollen, geschniegelten und gebügelten Mann ist, Scarface, das Narbengesicht - ein Name den er zeitlebens hasste.
Einige Monate später verletzte er seinerseits Arthur Finnegan, ein Mitglied der irischen White-Hand-Gang, in einer Auseinandersetzung um Schutzgelder so schwer, dass die Bande Rache schwor und nach Capone suchen ließ. Zudem drohte ihm wegen einer anderen Sache noch eine Mordanklage. Für Al war es also an der Zeit unterzutauchen und so folgte er 1919 einer Einladung Johnny Torrios nach Chicago, der dort für seinen Onkel Big Jim Colosimo und dessen Verbrecherorganisation Chicago Outfit arbeitete, einem Ableger der amerikanischen Mafia Cosa Nostra.
Als dann am 16. Januar des Jahres 1920 der 18. Zusatzartikel zur Verfassung der Vereinigten Staaten von Amerika in Kraft trat, der Herstellung, Transport und Verkauf von Alkohol über 0,5 Volumenprozent verbot, aber nicht deren Konsum, brach nicht nur in Chicagos Unterwelt eine regelrechte Goldgräberstimmung aus.
Wenn man den Alkohol ganz einfach verbietet, dürfte es ja eigentlich keine Alkoholiker mehr geben, denn schließlich wäre kein Alkohol zum Trinken da. Das dachten sich zumindest die Initiatoren des sogenannten Edlen Experiments (engl. The Noble Experiment), das heute schlicht als Prohibition bekannt ist.
Die Prohibition sollte allerdings nicht nur die öffentliche Moral heben und Alkoholiker trocken legen, sondern auch ganz handfeste finanzielle Vorteile bringen. Man wollte auf diese Art und Weise die allgemeine Produktivität steigern und die Staatskassen entlasten. Da der Alkohol für so manches Übel verantwortlich gemacht wurde, müsste ja durch das Verbot eigentlich die Kriminalität gesenkt werden, was wiederum Gerichtsbarkeit sowie Gefängnisse weniger beanspruchen würde. Soweit zumindest die Theorie.
Doch da hatte man die Rechnung natürlich ohne den Wirt gemacht, denn viele Amerikaner wollten sich ihren Schnaps nicht einfach so verbieten lassen und sahen es als Kavaliersdelikt an, die Prohibition auszutricksen. Das erste, was über Bord ging, war also die Moral, die ja eigentlich von der Prohibition hatte profitieren sollen.
Selbstverständlich wurde der Alkohol im großen Stil schwarz gebrannt. Das geschah häufig im Schutze der Dunkelheit bei Mondschein und so nannte sich diese Art der Schwarzbrennerei im Volksmund auch Moonshining (von engl. moonshine für Mondschein).
Leider schmeckte der selbstgebrannte Schnaps oft so grottenschlecht, dass er sich nur mit Unmengen von Zucker, süßen Likören oder Früchten vermischt einigermaßen trinken ließ. Auf diese Weise entstand so mancher bis heute angesagte Cocktail, wie etwa der Bee's Knees, aber auch der berühmtberüchtigte Badewannen-Gin.
Wurde beim Schwarzbrennen allerdings nicht sauber gearbeitet, dann verblieb giftiges Methanol im Destillat, das bereits in geringsten Mengen zu Erblindung und zum Tod führen kann. Manche Schätzungen gehen davon aus, dass der gepantschte Alkohol der Prohibitionszeit bis zu 10.000 Menschenleben gekostet hat.
Es gab aber noch eine weitere Möglichkeit, um an den begehrten Alkohol zu kommen, nämlich durch Schmuggel, bevorzugt aus Kanada und der Karibik. Die sogenannten Bootlegger (engl. bootleg bedeutet Stiefelschaft) transportierten die Schnapsflaschen einfach in ihren Stiefeln über die Grenze. Auch das geschah im großen Stil.
Ausgeschenkt wurde dieser Alkohol verbotenerweise in sogenannten Flüsterkneipen (engl.: speakeasys), die sich oft in einem versteckten Hinterzimmer befanden und den Zutritt häufig nur auf Empfehlung oder passendes Codewort erlaubten. Das Geschäft blühte aber auch in vielen der heute legendären Nachtclubs, die zu dieser Zeit entstanden, wie etwa dem Chumbley's in New York. Auch der legendäre Cotton Club in Harlem, der von der Unterweltgröße Owney Madden geführt wurde, entstand zu dieser Zeit. Im Green Mill trafen sich die Gangster der Verbrecherorganisation Chicago Outfit rund um Al Capone.
Der Image-Gewinn war für die Verbrecher beträchtlich, denn nun galten sie in den breiten Bevölkerungsschichten, die die Prohibition nicht akzeptieren wollten, als Helden, moderne Robin Hoods, die verhassten Gesetzen zuwider dafür sorgten, dass jeder, der es wollte, seinen Alkohol bekam.
Capone begann in Chicago erst einmal als Rausschmeißer, war dann aber schon im Mai 1920 an der Ermordung Big Jim Colosimos beteiligt, so dass Johnny Torrio die Geschäfte übernehmen konnte und damit zu einem der größten Gangsterbosse Chicagos wurde. Innerhalb kürzester Zeit stieg Scarface zu Torrios zweiter Hand auf.
Anfang 1923 einigten sich die großen Bosse Chicagos auf eine Art Waffenstillstand, der allerdings nicht lange Bestand hatte und schnell in brutale Bandenkriege ausartete, da sich nicht alle an die Vereinbarungen hielten. In der Folge wurde Torrio bei einem Anschlag so schwer verletzt, dass er Chicago Outfit 1925 an Al Capone übergab, der von da an die Geschäfte führte und somit zum Obergangster aufstieg.
Die Bandenkriege nahmen im Laufe der Zeit allerdings immer drastischere Ausmaße an, denn nicht selten kamen dabei sogar Kriegswaffen wie die vollautomatische Thompson-Maschinenpistole zum Einsatz, die bis zu 800 Schuss im Kaliber .45 pro Minute abfeuern konnte. Als am 27. April 1926 der Staatsanwalt Bill McSwigin ermordet wurde, begann das Gutmenschen-Image der Gangster immer größere Risse zu bekommen. Al Capone überspannte den Bogen dann endgültig am 14. Februar 1929, als er rivalisierende Bandenmitglieder beim sogenannten Valentinstags-Massaker im wahrsten Sinne des Wortes an die Wand stellen ließ.
Bisher hatte man ihm allerdings nie etwas nachgewiesen, denn korrupte Politiker und geschmierte Chicagoer Polizeibeamte schauten weg. Doch das Valentinstags-Massaker rief nun die Bundespolizei FBI auf den Plan. Die Ermittlungen ergaben, dass Capones Alibi, eine Bronchopneumonie, die ihn angeblich vom 13. Januar bis zum 23. Februar ans Krankenbett in Miami gefesselt hatte, nur ein Vorwand war.
Die FBI-Agenten fanden heraus, dass Capone zu dieser Zeit nachweislich die Rennbahn in Miami besucht hatte und auch an anderen Orten gesehen worden war. Somit wäre er aber auch im Stande gewesen, nach Chicago zu reisen, um dort morden zu können. Allerdings konnten ihm die Beamten lediglich unerlaubten Waffenbesitz nachweisen, der ihm ein Jahr Gefängnis einbrachte. Aber sie ließen nicht locker.

Auch der Prohibitionsagent und Finanzbeamte Elliot Ness, dem der Ruf der Unbestechlichkeit vorauseilte, biss sich nun an Capone fest. Ness und seine Unbestechlichen waren es allerdings nicht, die Scarface zu Fall brachten, das ist lediglich ein Mythos. Er war es vielmehr selber, könnte man sagen. Ermittlungen der US-Steuerbehörde IRS führten dazu, dass sein Bruder Ralph Capone und Jack Guzik, ein Freund und Geschäftspartner, 1930 wegen Steuerhinterziehung verurteilt werden konnten.
Noch bevor Capone am 5. Juni des Jahres 1931 ebenfalls u. a. wegen Steuerhinterziehung angeklagt wurde, veröffentlichte die Chicago Crime Commission, ein Zusammenschluss besorgter Bürger und Geschäftsleute, eine Liste mit 28 sogenannten Staatsfeinden (engl. Public Enemies). Scarface führte diese Liste als Staatsfeind Nr. 1 an, sein Bruder Ralph war die Nummer 3.
In dem Gerichtsprozess, in dem seine Verteidiger einige schwerwiegende Fehler machten, wurde Capone am 18. Oktober 1931 in mehreren Anklagepunkten schuldig gesprochen und am 24. November zu 11 Jahren Freiheitsstrafe sowie einer hohen Geldbuße verurteilt.
Da Capone seine Geschäfte offenbar auch im Gefängnis weiter fortführte, wurde er am 18. August 1934 in das berüchtigte Hochsicherheitsgefängnis Alcatraz verlegt. Dort verhielt er sich wie schon zuvor vorbildlich und wurde aufgrund guter Führung schließlich am 16. November 1939 entlassen.
Doch im Gefängnis hatte er nicht nur körperlich und psychisch stark abgebaut, auch sein Ansehen in der Bevölkerung und vor allem in Kriminellenkreisen hatte schwer gelitten. Nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis war er nicht mehr der Selbe wie zuvor. Laut Angaben des FBI in Washington D. C. war „er mental nicht mehr in der Lage, seine Gangsteraktivitäten wieder aufzunehmen. 1946 kamen sein Arzt und ein Psychiater aus Baltimore nach der Untersuchung übereinstimmend zu dem Schluss, Capone hätte zu diesen Zeitpunkt den Geisteszustand eines 12 Jahre alten Kindes gehabt.“
Die letzten Lebensjahre verbrachte Al Capone auf dem Familienanwesen in Florida, wo er am 25. Januar 1947 im Alter von 48 Jahren an den Folgen einer Lungenentzündung verstarb.
Das Geschäft mit dem verbotenen Alkohol florierte damals auch deshalb so gut, weil korrupte Politiker und geschmierte Polizeibeamte oftmals wegsahen. Ein Skandal, der damals für viel Aufsehen sorgte und eine Diskussion über heuchlerische Doppelmoral anfeuerte, war die Verhaftung des Schmugglers George L. Cassiday im Jahr 1930. Der erzählte der Washington Post nämlich, er habe im Laufe seiner illegalen Karriere vier von fünf Kongressabgeordneten mit Alkohol versorgt.
Als die Vereinigten Staaten von Amerika im Oktober des Jahres 1929 von dem großen Börsencrash erschüttert wurden, der die Weltwirtschaftskrise nach sich zog, fehlte das Geld an allen Ecken und Enden. So wurden Überlegungen laut, dass die Aufhebung des Alkoholverbotes eine Reihe von finanziellen Vorteilen bringen könnte. Schließlich ließen sich auf diese Art und Weise legale Arbeitsplätze in der Herstellung, dem Vertrieb und dem Verkauf von Alkohol schaffen. Zudem würden die Staatseinnahmen durch die Versteuerung steigen. Das zumindest erhofften sich bald immer mehr Politiker, wie Franklin D. Roosevelt, der die Abschaffung des landesweiten Alkoholverbotes als Wahlversprechen seiner Präsidentschaftswahl letztendlich auch einlöste.
Der 21. Zusatzartikel zur Verfassung der Vereinigten Staaten von Amerika hob schließlich die landesweite Prohibition am 5. Dezember 1933 auf. Städte und Landkreise konnten allerdings auch weiterhin Alkoholverbote aussprechen und einige von ihnen machen auch heute noch von diesem Recht Gebrauch, nämlich die vom Volksmund so genannten Dry Citys und Dry Countys (engl.: trockene Städte und Landkreise).
Erhalten geblieben ist auch das organisierte Verbrechen, das sich mit der Aufhebung der landesweiten Alkoholverbots ja keineswegs in Luft aufgelöst hat. Die in der Prohibitionszeit gemachten Erfahrungen und aufgebauten Strukturen, selbstverständlich aber auch die vielen Millionen illegaler Dollar waren ein ausgezeichnetes Startkapital, um sich auf andere Geschäftsfelder verlegen zu können, wie etwa den Handel mit harten Drogen. Auch das gehört zum Erbe der Prohibition. Unterm Strich war das Ganze einfach eine Schnapsidee.
CS