
Achtäuglein
Von Wolff Arvika
21. September
Es juckt so irrsinnig, es juckt, es juckt, es juckt. Aber ich werde nicht kratzen. Auf keinen Fall werde ich kratzen. Ich darf es nicht. Das verärgert sie. Wenn ich kratze, werden sie wütend, und ich will nicht, dass sie wütend werden. Dann wird alles nur noch schlimmer, viel schlimmer als es jetzt schon ist.
Sie sind größer geworden. Ich spüre das. Es müssen Hunderte sein. Sie fressen. Bald werden sie so groß sein, dass man sie mit bloßem Auge sehen kann. Man wird sehen können, wie sie sich bewegen, unter meiner Haut. Dann kann es niemand mehr abstreiten. Dann kann ich es beweisen. Endlich. Angeblich können sie ihre Eier gar nicht unter der menschlichen Haut ablegen. Angeblich. Das haben sie gesagt. Alle haben das gesagt.
Vielleicht stimmt das sogar. Vielleicht ist es richtig, dass Spinnen dazu gar nicht in der Lage sind. Mag sein. Aber das Untier, das hinter meinem Schrank haust, das ist keine Spinne. Niemals ist das eine Spinne. Sie ist viel größer als Spinnen sind und schneller, sehr viel schneller sogar. Und sie ist schlau, sie ist so verdammt schlau. Keine Spinne ist so schlau. Niemals.
Sie beobachtet mich. Auch jetzt, in diesem Moment beobachtet sie mich. Ihren acht Augen entgeht keine meiner Bewegungen, keine einzige. Ich spüre ihren Blick förmlich auf meinem Körper, auch jetzt, in diesem Augenblick.
Sie wartet darauf, dass ich einen Fehler begehe und dann schlägt sie zu. So wie beim letzten Mal, als ich unachtsam war, und sie mir ihre Brut unter meine Haut gespritzt hat. Aber das passiert mir nicht noch einmal. Jetzt bin ich gewarnt. Ich bin wachsam. Noch einmal überrumpelt sie mich nicht, nicht noch einmal. Aber es juckt so irrsinnig und ich darf nicht kratzen. Ich werde noch verrückt.
22. September
Die Wunden bluten. Ich muss sie verbinden. Hätte ich bloß nicht gekratzt. Aber ich habe es nicht mehr ausgehalten. Ich musste einfach kratzen. Hoffentlich habe ich sie damit nicht verärgert. Das wäre furchtbar. Sie würden sich rächen. Bestimmt würden sie sich rächen. Aber jetzt ist es zu spät. Ich kann nur auf ihre Gnade hoffen. Verdammt, was kann ich bloß tun? Sie bringen mich noch um meinen Verstand.
25. September
Sie verhalten sich ruhig. Ich spüre, dass sie da sind, aber sie tun mir nichts. Ich glaube, dass ihre Mutter mit ihnen kommuniziert. Die Mistviecher verständigen sich untereinander. Ich weiß nicht wie, aber sie tun es, wahrscheinlich in der Nacht, wenn ich schlafe. Dabei schlafe ich kaum noch, seit es angefangen hat.
Wenn sich die Wunden weiter so infizieren, werde ich zum Arzt gehen müssen. Aber ich kann nicht zum Arzt. Das werden sie nicht wollen. Verdammt, was kann ich nur tun?
7. Oktober
„Intensivstation“ sagte der Rettungsdienst, „schwere Sepsis“ der Arzt. „Scharlatane“ sagte ich. Ich wollte es zumindest sagen, aber ich kam nicht mehr dazu. Sie haben mich eingeliefert, als ich bewusstlos war, einfach so, ohne mein Einverständnis, ohne mich zu fragen. Diese Narren! Was hätte im Krankenhaus nicht alles passieren können? Was, wenn die Ärzte ihnen Schaden zugefügt hätten? Was dann? Was, bitte schön, dann? Ich wäre es schließlich gewesen, die die Rache der Mutter zu spüren bekommen hätte, nicht die Ärzte, nicht diese Quacksalber in ihren weißen Kitteln. Ich wäre es gewesen, an der sie sich gerächt hätte, nur ich allein.
10. Oktober
Camille war heute da. Sie ist zwar meine beste Freundin, aber eben auch Psychologin. Einen derart schweren Fall von Arachnophobie hätte sie noch nie gehabt, sagte sie. Ich habe ihr erklärt, dass das nichts mit Spinnenangst zu tun hat, aber auch wirklich gar nichts. Hinter meinem Schrank haust ein Monster und unter meiner Haut ihre Brut. Aber davon wollte sie nichts hören. Das hat sie in ihrer vorgefassten Meinung offenbar nur bestätigt.
Wir haben gemeinsam den Schrank von der Wand abgerückt. Sie war nicht da. Das Mistvieh ist schlau. Ich habe es Camille vorher gesagt, dass dieses Viech schlau ist. Aber sie wollte mir ja nicht glauben. Angeblich sei nie eine Spinne dort gewesen, sagte sie, nur weil wir kein Netz gefunden haben. Doch so leicht ist ihr nicht auf die Spur zu kommen. Sie ist wie ein Geist, ein Phantom, sie ist mal hier, mal dort, aber nie da, wo man sie vermutet. Sie ist schlau, das habe ich ihr doch gesagt. Sie ist so verdammt schlau.
11. Oktober
Sie sind größer geworden. Man kann sie jetzt sehen, sehen wie sie sich unter meiner Haut bewegen, wie sie kriechen, wie sie fressen. Es juckt wieder. Ich muss meine Medikamente nehmen. Dann juckt es nicht mehr. Die Medikamente sind gut.
Camille sagte, sie könne sie nicht sehen. Da wäre nichts unter meiner Haut, rein gar nichts. Diese Närrin. Und ich dachte, sie sei meine Freundin.
12. Oktober
Heute Morgen stand Camille unerwartet vor der Tür. Sie wolle mich abholen, könne mir helfen, hat sie gesagt. Heute Abend sei ich geheilt. Diese Irre. „Mir muss niemand helfen“, habe ich ihr gesagt. „Ich habe kein Problem mit Spinnen. Ich hasse nur diese abscheuliche Kreatur, die hinter meinem Schrank haust und noch mehr hasse ich ihre Brut.“
Mitgegangen bin ich trotzdem. Camille kann sehr überzeugend sein. Was habe ich schon zu verlieren? „Wenn du keine Angst vor Spinnen hast, kannst du doch auch mitkommen“, hat Camille gesagt. „Ich werde es dir beweisen“, habe ich ihr geantwortet.
Expositionstherapie nannte sie es. Sie hat mir Bilder von Spinnen gezeigt. Das war kein Problem für mich. Dann hat sie mir Filme von Spinnen gezeigt. Das war kein Problem für mich. Danach hat sie eine tote Spinne in einer Schachtel in den Raum gebracht. Das war kein Problem für mich. Im Anschluss daran kam eine lebendige Spinne. Das war kein Problem für mich. Camille kam mit der Spinne immer näher und redete und redete, wollte wissen, wie es mir dabei ergehe, was ich fühle, ob mir heiß werde, ob ich Angst verspüre. Nein, das war alles kein Problem für mich.
Als die Spinne schließlich über meine Hand krabbelte und ich ihre acht haarigen Beine auf meinem Arm spüren konnte, da war alles gut. Ich konnte hören, wie sie lief, konnte sehen, wie sie ein Bein vor das andere setzte. Ich sah ihren dicken Hinterleib direkt vor mir, wie er bei jedem Schritt, den sie tat, ganz leicht auf und ab wippte. Warum hätte ich sie nicht berühren sollen?
Camille war zufrieden. Es wäre dumm gewesen, sie noch einmal daran zu erinnern, dass ich nie unter Spinnenangst gelitten habe. Das hatte ich ihr schließlich schon mehrfach gesagt. Aber sie wollte es ja nicht hören. Jetzt glaubte sie es. Alles war gut.
13. Oktober:
Heute Nacht ist etwas Seltsames geschehen. Ich lag in meinem Bett und dachte noch einmal über den Tag nach, da hörte ich sie kommen. Sie kroch hinter ihrem Schrank hervor und krabbelte an der Decke entlang auf mich zu. Was soll ich sagen? Ich fürchtete sie nicht. Die Angst war weg. Sollte sie doch ruhig kommen. Na und? Was könnte sie mir schon antun?
Ich konnte hören, dass sie schnell ging. Sie kroch nicht, sie krabbelte nicht, sie rannte förmlich durch die Dunkelheit. Ich konnte ihren Schatten sehen, der über die Zimmerdecke huschte. Dann sah ich sie selbst, wie sie sich abseilte, direkt über meinem Kopf. Ihre dünnen langen Beine waren an den Gelenken behaart. Ihr unförmiger dicker Hinterleib spann unablässig an dem Faden, mit dem sie sich in die Tiefe fallen ließ. Als sie nur noch wenige Zentimeter von meinem Gesicht entfernt war, konnte ich sehen, wie sie bei jedem meiner Atemzüge ein klein wenig hin und her schwang, an ihrem Faden.
Was sie wohl von mir wollte? Warum kam sie ausgerechnet jetzt, in dieser Nacht? Natürlich! Sie wollte ihre Kinder sehen, wollte wissen, ob es ihnen gut ergeht. Sie war eine Mutter und sie sorgte sich. Augenblicklich umfing mich eine seltsame Wärme. Ich war ein Teil dieses wunderbaren Schauspiels der Natur. Ich war ein Teil der Familie.
Als sie näher kam, immer näher und näher, begann ich sie zu bewundern. Ich konnte nicht anders, ich musste einfach. Sie war eine so wunderschöne Kreatur der Nacht. Und ich hieß sie willkommen. „Komm zu mir, Achtäuglein, und küsse mich. Ich schmachte.“ Mit weit geöffnetem Mund lag ich da, in der Dunkelheit, und starrte sie an. Ich wartete. Und sie ließ sich nicht lange bitten, die Schönheit. Ihre acht Beine berührten zart meine Lippen, als sie sich in meinen Mund fallen ließ. Ich spürte sie auf meiner Zunge. Dann verschluckte ich sie. Wir waren vereint. Endlich!
14. Oktober:
Als ich am Morgen erwachte, war alles anders. Das wusste ich. Ich spürte es. Sie war tief in mir drin, sie und ihre Kinder. Ich konnte sie hören, konnte hören, was sie sagten. Sie sprachen mit mir. „Warum hast du so lange gezögert?“, fragte die Mutter? „Ich weiß es nicht, Achtäuglein, ich weiß es nicht“, antwortete ich. „Aber jetzt ist ja endlich alles gut.“ Plötzlich war da ein Kichern, ein hundertfaches Kichern. Es drang leise durch meine Haut, war kaum zu vernehmen, aber ich hörte es doch. „Nein“, sagte die Mutter. „Es hat gerade erst begonnen.“
15. Oktober:
Mir geht es nicht gut. Ich bin krank. Alles tut mir weh. Ich habe rasende Kopfschmerzen und mir ist ständig übel. Heute morgen wäre ich fast nicht aus dem Bett gekommen, so dreckig ging es mir. Was kann das wohl sein? Aber noch schlimmer ist, dass Achtäuglein nicht mehr mit mir redet. Ich höre, wie sie mit ihren Kindern spricht. Dann kichern sie. Aber niemand spricht mit mir. Warum wohl? Was ist denn bloß los?
16. Oktober:
„Achtäuglein, was ist los? Warum redest du nicht mehr mit mir? Was habe ich dir denn getan? Ich bekomme einfach keine Antwort, so oft ich auch frage. Dabei kann ich sie hören. Ich höre, wie die Mutter mit ihren Kindern spricht. Ich höre, wie sie heimlich tuscheln, leise, ganz leise. Sie wissen etwas, etwas, das sie mir verheimlichen. Aber was? Und warum redet keiner mit mir?
Heute Nachmittag muss ich unbedingt in die Apotheke und neue Medikamente holen. Ohne geht es nicht. Aber wie soll ich das machen? Ich kann mich ja kaum bewegen. Jeder einzelne Schritt fällt mir schwer, jede Bewegung. Am liebsten würde ich das Bett gar nicht erst verlassen. Aber ich muss, ich muss aufstehen und in diese verdammte Apotheke. Ohne Schmerzmittel halte ich es nicht aus.
17. Oktober:
Die Schmerzmittel helfen, die Rheuma-Creme auch. Wenigstens das. Es geht mir schon wieder etwas besser, obwohl die Schmerzen immer noch da sind. Aber sie sind nicht mehr ganz so schlimm. Sie sind erträglich geworden. Vielleicht habe ich mich ja auch einfach nur an sie gewöhnt. Wer weiß das schon zu sagen?
18. Oktober:
Es geht mir blendend, trotz der Schmerzen. Achtäuglein spricht wieder mit mir. Endlich! „Du weißt es noch nicht, oder?“, hat sie gefragt. „Was denn?“, habe ich geantwortet, „was weiß ich noch nicht?“ Dann haben die Kleinen wieder gekichert. Auch die Mutter hat gekichert. Aus irgendeinem Grund haben sie mich damit angesteckt und bevor ich mich richtig besann, habe ich mit ihnen gekichert, nur ganz kurz, ganz leise. „Was denn, Achtäuglein, was weiß ich noch nicht?“ „Wir sind jetzt eine Familie, eine richtige Familie.“ „Das weiß ich doch längst“, habe ich gelacht. Achtäuglein hat auch gelacht und die Kleinen haben gelacht. Alle haben wir gelacht. „Na, dann weißt du hoffentlich auch, was das bedeutet“, hat sie gesagt.
21. Oktober:
Heute habe ich meine Armbanduhr vom Juwelier abgeholt. Angeblich sei nichts defekt. „Das kann nicht sein“, habe ich gesagt. „Sie muss kaputt sein.“ Nein, da wäre nichts mit der Uhr, rein gar nichts, alles sei in bester Ordnung und würde so funktionieren, wie es soll. Ich habe gelacht. „Nein, nein, Sie müssen sich irren“, habe ich gesagt. „Haben Sie wirklich alle kleinen Zahnrädchen durchgesehen? Es ist eine alte mechanische Uhr und ich habe sie auch schon sehr lange. Da kann durchaus einmal etwas kaputt gehen.“ Den Uhrmacher amüsierte das offenbar. Er fragte: „Sie zeigt die Zeit doch korrekt an. Wie kommen Sie denn darauf, dass die Armbanduhr kaputt sein könnte?“ Wie ich darauf komme? Was für eine Frage? Dabei kannte er die Antwort doch ganz genau. Er hat es doch auch gehört, das Ticken, dieses wahnsinnig laute Ticken, und dann die Vibrationen. Jedes Mal, wenn der Zeiger auf dem Ziffernblatt ein kleines Stück weiter sprang, durchfuhr es meinen gesamten Körper. Wie ein Hammerschlag kam es mir vor. So klar und deutlich war es. Das hat er doch auch gespürt und er hat es auch gehört. Warum lügt er mich an? Warum?
27. Oktober:
Am Morgen wäre ich fast von einem Auto überfahren worden. Ich habe es einfach nicht gesehen. Plötzlich war es da, wie aus dem Nichts. Die Straße vor der Apotheke war so voller Krach, dass ich es nicht gehört habe. Die Innenstadt ist so verdammt laut geworden. Immer mehr Autos, immer mehr Hupen, immer mehr Geschrei. Wer soll das aushalten. Vielleicht sollte ich aufs Land ziehen.
Aus der Apotheke habe ich mir neue Schmerzmittel mitgebracht und Enthaarungscreme. Die Haare auf meinen Armen und Beinen wachsen und wachsen. Ich rasiere sie morgens ab und abends sind sie schon wieder da. Das ist doch nicht normal, sowas. Die Enthaarungscreme wird helfen.
1. November:
Die Haare lasse ich jetzt einfach wachsen. Ich rasiere mich ja zu Tode. Die Creme hilft auch nicht. Es sieht schrecklich aus. Aber was kann ich tun? Ich bin total verzweifelt.
Heute Nachmittag muss ich zum Optiker, die neue Brille abholen. Schon wieder eine neue Brille. Dabei hatte ich doch gerade erst eine neue bekommen. Aber meine Augen werden rapide schlechter. Ich werde alt. Nur mein Gehör ist noch so gut, wie eh und je. Ich habe fast das Gefühl, dass es sogar immer besser wird. Jedes Mal, wenn unten im Flur einer der Nachbarn die Haustür zuknallt, höre ich es. Es durchzuckt mich förmlich. Das war früher nicht so.
3. November:
Heute morgen habe ich seltsame Schwellungen auf meinem Rücken bemerkt. Sie schmerzen, wenn man sie berührt. Ich fühle mich schrecklich.
Ohne Achtäugleins Zuspruch wüsste ich nicht, was ich tun soll. Aber sie tröstet mich. Das hilft mir sehr. „Du wirst schon sehen, es wird alles gut“, hat sie gesagt. „Du wirst schon sehen.“
10. November:
Die vier Ausbuchtungen auf meinem Rücken werden immer größer. Sie wachsen. Was ist das bloß? Zum Arzt kann ich nicht gehen. Der würde mich nur wieder in ein Krankenhaus einliefern.
11. November:
Heute habe ich mir seit Ewigkeiten mal wieder einen Zopf gebunden und dabei seltsame Beulen an meinem Kopf festgestellt. Was zur Hölle ist das bloß? Was ist los mit mir?
„Es wird alles gut“, hat Achtäuglein gesagt.
„Weißt du etwas darüber?“, habe ich gefragt.
„Alles!“, hat sie geantwortet.
„Alles?“
„Alles!“
„Dann sag mir, was plagt mich?“
„Weiß du es denn immer noch nicht?“
„Was weiß ich immer noch nicht?“
„Du wirst ich und ich werde du!“
„Wie bitte?“
„Du veränderst dich und ich verändere mich. Wir verändern uns beide. Wir werden eins. Wir verschmelzen.“
„Das ist nicht dein Ernst!“
„Doch, und es ist herrlich.“
„Das glaube ich dir nicht. Niemals!“
„Du wirst schon sehen.“
„Niemals. Nein. Nein. Nein!“
28. November:
In der Nacht ist viel Schnee gefallen. Es ist kalt in meiner Wohnung. Die Heizung ist ausgefallen. Ich kann mich kaum bewegen.
Achtäuglein hat Recht behalten. Ich verändere mich, das ist ganz offensichtlich. Die sechs Beulen an meinem Kopf werden immer größer, die Haut, die darüber liegt, immer dünner. Es dauert nicht mehr lange, dann reißt sie auf. Das weiß ich.
Meine Arme und Beine werden immer dünner, die Auswüchse auf meinem Rücken immer länger. Das Augenlicht ist längst nicht mehr so gut wie früher. Dafür habe ich ein seltsames Gespür für Vibrationen entwickelt und mein Gehör ist besser geworden.
Ich merke, wie die Kälte, durch die Fensterritzen kriecht, wie sie aus dem Mauerwerk heraus direkt in mich hinein schleicht. Ich kann mich kaum bewegen. Mir ist eiskalt.
„Das ist ganz normal“, hat Achtäuglein gesagt.
„Normal?“, habe ich gefragt.
10. Dezember:
Ich vermisse meine Finger. Es ist zwar schon einfacher geworden, diese Zeilen mit den Klauen zu tippen, aber ich mache viele Tippfehler. Außerdem sehe ich kaum etwas, trotz der acht Augen. Dafür sind die Schmerzen weg.
Wenn ich nur nicht so großen Hunger hätte. Alles, was im Kühlschrank liegt, schmeckt mir nicht. Ich versuche, es trotzdem runter zu würgen, aber es kommt sofort wieder raus. Selbst rohes, blutiges Fleisch habe ich probiert.
„Achtäuglein, ich verhungere!“
„Es ist an der Zeit, dass wir Beute machen.“
11. Dezember:
Der Hunger treibt mich noch in den Wahnsinn. Ich kann an nichts anderes mehr denken als ans Essen. So ist es auch nur ein schwacher Trost, dass die Heizung wieder geht und die Wärme meinen Gliedern gut tut.
„Ruf den Hausmeister hoch.“
„Achtäuglein, die Heizung geht doch wieder. Warum sollte ich ihn rufen?“
„Wir essen ihn.“
"Auf gar keinen Fall!"
"Sollen wir verhungern? Denk an unsere Kinder."
"Aber wir können doch keinen Menschen essen. Ich dachte, wir fangen ein Kaninchen im Park oder vielleicht eine streunende Katze."
"Schau aus dem Fenster. Es ist kalt und es schneit. Die Kaninchen sind in ihrem Bau und eine Katze wirst du jetzt auch nur schwerlich finden. Also greif zum Telefon und ruf ihn hoch."
"Dann warten wir lieber noch etwas, bis sich das Wetter bessert und es wieder wärmer wird."
"Bis Frühjahr?"
"Nein, natürlich nicht bis Frühjahr. Nur ein paar Tage. Das halte ich schon noch aus."
"Und unsere Kinder? Die verhungern."
"Nur ein paar Tage noch."
"Auf keinen Fall. Ruf den Hausmeister. Sonst tue ich es."
"Du?"
"Wenn du zu schwach bist, dann übernehme ich unseren Körper."
"Achtäuglein, nein. Selbst wenn der Hausmeister hoch kommen würde und plötzlich vor der Tür stände, ich könnte ihm niemals etwas antun."
"Das lass mal meine Sorge sein. Ich mach das."
"Nein, Achtäuglein. Nein. Außerdem kannst du ihn gar nicht töten. Du hast kein Netz gebaut."
"Netz? Hast du ein Netz hinter deinem Schrank gefunden?"
"Nein."
"Also. Jetzt ruf den Hausmeister."
"Niemals. Und wenn du ihn rufst, werde ich ihn warnen. Ich lasse nicht zu, dass du ihn tötest."
"Gut, dann eben nicht. Schau mal aus dem Fenster."
"Wieso? Was gibt es denn da zu sehen? Da sind nur ein paar Kinder im Hof, die einen Schneemann bauen."
"Die essen wir."
"Bist du verrückt!"
"Also doch den Hausmeister? Entscheide dich."
"Es muss doch noch eine andere Möglichkeit geben."
"Die gibt es."
"Welche?"
"Wir verhungern."
Als der Hausmeister mit seiner Werkzeugtasche vor der Tür stand und klingelte, lief es mir kalt den Rücken hinunter. Ich wollte nicht, dass er getötet wurde und schon gar nicht wollte ich diejenige sein, die ihm umbrachte. Trotzdem öffnete ich.
Als die Tür aufging und er mich sah, erstarrte er vor Schreck. Mit weit aufgerissenen Augen stand er da und wollte gerade anfangen zu schreien, da biss ich ihm den Kopf ab. Einfach so. Ich war selbst überrascht, wie leicht das war. Meine Kieferklauen schnitten so mühelos durch die Knochen, die Sehnen und das Fleisch, als wenn es Butter wäre. Mit einem tiefen polternden Geräusch fiel der Kopf zu Boden. Der Körper brach in sich zusammenbrach und schlug auf die hölzernen Dielen des Flurs auf. Ströme von Blut ergossen sich über meinen Türvorleger.
Ich hatte gedacht, dass ich dazu gar nicht fähig wäre oder zumindest doch, dass es mich abstoßen würde. Aber das war nicht der Fall. Ich zögerte nicht einmal. Ganz im Gegenteil sogar bemerkte ich, wie das Wasser in meinem Mund zusammenlief. Er war nichts anderes für mich als ein verdammtes Festmahl.
"Jetzt sind wir wahrhaftig eins", hat Achtäuglein gesagt.
"Ja, das sind wir", habe ich geantwortet. "Und es ist herrlich."
Kapitel 4
12. Dezember:
"Heute Abend ist es soweit."
"Was denn?", habe ich gefragt.
"Weißt du es denn nicht? Du müsstest es eigentlich spüren, denn ich spüre es auch."
"Was spüren?"
"Heute lassen wir unsere Kinder in die Welt hinaus. Sie haben gegessen und das Haus ist warm. Es ist soweit."
"Und wie machen wir das?"
"Ich mach' das schon."
Um Mitternacht hat Achtäuglein dann gesagt: "Jetzt ist die Zeit gekommen. Verabschieden wir unsere Kinder. Wir werden sie niemals wiedersehen."
Die Kleinen haben getuschelt und sich gefreut.
"Macht es gut, meine Kinder", habe ich gesagt. "Passt schön auf euch auf." Da haben sie gekichert.
"Ihr wisst, was ihr zu tun habt", hat Achtäuglein gesagt.
Da haben sie wieder gekichert und sich gefreut.
"Wie hast du das gerade gemeint?", habe ich gefragt. Aber ich bekam keine Antwort. Noch bevor ich weiter nachhaken konnte, hat Achtäuglein unseren Körper übernommen und ist damit zur Wohnungstür gegangen. Ich konnte nichts tun. Sie hatte die völlige Kontrolle. Dann hat sie die Tür einen winzigen Schlitz weit geöffnet.
"Wie ich es mir gedacht habe", hat sie gesagt. "Da ist nichts zu sehen, es gibt keine Vibrationen, keinen Lufthauch, gar nichts. Dort ist weit und breit niemand. Das ganze Haus schläft. Es ist soweit."
Achtäuglein hat die Tür weit aufgestoßen und sich mit unseren acht Beinen im Türrahmen festgehalten. Dann hat sie unsere Kinder in das Dunkel des Flures gespien. Hunderte von ihnen kamen aus unserem Mund und liefen die Wände entlang. Sie krochen über die Decke und krabbelten über die Dielen des Flures in die Dunkelheit. Es kamen immer mehr, immer mehr, es nahm einfach kein Ende.
Nach einer Weile hatten sich unsere Augen noch besser an die Dunkelheit angepasst und ich konnte sehen, wie die Kleinen unter den Türschlitzen hindurch in die anderen Wohnungen eindrangen. Einige von ihnen gingen die Treppe nach oben, andere nach unten. Es dauerte eine gefühlte Ewigkeit, bis der Strom ein Ende nahm und unsere letztes Kind sich auf den Weg machte. Zufrieden blickten wir ihm gemeinsam nach und doch beschlich mich bei dem Anblick ein ungutes Gefühl.
15. Dezember:
Mir geht es nicht so gut. Ich fühle mich schlapp und antriebslos. Meine Augen tun weh und die Gliederschmerzen sind wieder da. Was ist bloß los mit mir?
16. Dezember:
"Achtäuglein, ich glaube, ich werde krank", habe ich gesagt.
"Keine Sorge, ich kümmere mich um dich."
"Danke schön, das ist so lieb von dir."
"Das mache ich doch gerne."
17. Dezember:
Ich werde immer schwächer, kann praktisch nichts mehr sehen und fühle kaum noch etwas. Achtäuglein hat inzwischen die völlige Kontrolle über unseren Körper übernommen und sie macht das gut. Sie will uns etwas zu essen besorgen, hat sie gesagt.
19. Dezember:
Ich schlafe jetzt viel und bekomme kaum noch etwas von der Außenwelt mit. Achtäuglein hat die Wohnung aufgeräumt. Sie hat die Überreste von dem Hausmeister beseitigt und die Säurespuren, die unsere Zersetzungsflüssigkeit auf den Holzdielen hinterlassen hatte, mit einem Teppich überdeckt. Sie macht das wirklich gut und hat alles im Griff. Ich glaube, sie hat Camille angerufen. Ich wollte nachfragen, war aber zu schwach dafür.
21. Dezember:
Mir geht es wieder etwas besser, obwohl ich praktisch blind bin und kaum etwas spüre.
22. Dezember:
Heute Morgen stand Camille vor der Tür. Ich habe ihre Stimme gehört, ganz leise und dumpf klang sie zu mir durch. Dann verstummte sie und ich hörte das Geräusch von etwas, das zu Boden fällt. Ich habe dieses seltsame Geräusch schon einmal gehört, kann mich aber nicht mehr daran erinnern, was es verursacht hat. Ich wollte Achtäuglein fragen, war aber zu schwach.
3. Januar:
Mir geht es blendend. Ich kann wieder sehen und hören, mein Vibrationssinn ist besser denn je. Ich habe mich mit meinem Schicksal inzwischen abgefunden. Es ist gut so, wie es ist. Es ist anders, aber gut. Achtäuglein hat gesagt, dass sie mich bald verlässt. Aber das ist okay, absolut okay.
5. Januar:
"Die Polizei wird bald hier sein", hat Achtäuglein gesagt. "Ich habe zwar aufgeräumt, aber sie werden bestimmt noch Spuren vom Hausmeister und von Camille entdecken. Ich habe dir deinen Computer angelassen, damit du dein Tagebuch weiter schreiben kannst und die Zeiten nachtragen kannst, in denen du krank warst. Ich habe es gelesen und bin ein wenig enttäuscht darüber, dass du mich darin als 'Untier' bezeichnet hast. Aber, ich verstehe das und ich vergebe dir."
Dann hat sie mich ausgespuckt. Meine acht Beine federten den Fall auf den Schreibtisch perfekt ab. Das Tageslicht war zuerst unerträglich hell in meinen acht Augen, aber nach ein paar Minuten ging es einigermaßen und ich konnte sie mir betrachten. Sie war so wunderschön. Mein enges Lederkleid und der lange Wintermantel standen ihr ganz ausgezeichnet, ebenso wie meine High Heels. Die Smokey Eyes gaben ihr etwas Geheimnisvolles, das schrille Rot auf ihren vollen Lippen ließ sie verführerisch und begehrenswert erscheinen. So, wie sie jetzt aussah, würde sie ganz sicher einen Menschen finden, mit dem sie sich paaren konnte, ganz sicher. Das Schicksal würde seinen Lauf nehmen und sie würde das bekommen, was sie wollte, so wie sie es immer schon bekommen hat.
"Machs gut, Achtäuglein", habe ich gesagt, "oder sollte ich besser sagen: Machs gut Menschlein."
"Ich bin beides und noch so viel mehr", hat sie gesagt und dann ist sie gegangen, einfach so, ohne sich noch einmal umzublicken.
Die Polizei wird bald hier sein und sie wird hier ein großes Durcheinander veranstalten. Ich darf mich nicht erwischen lassen. Es ist jetzt an der Zeit, dass ich mich hinter meinen Schrank zurück ziehe.
Ende
