Mitternachtslektüre

Gefährliche Schönheit: Wer schön sein will, muss leiden


Die radioaktive Zahncreme Doramad:

„Für strahlend weiße Zähne“, hieß es damals in der Werbung und das war nicht gelogen. Die völlig neuartige Zahnpasta Doramad, die 1940 auf den Markt kam und weltweit verkauft wurde, war nämlich radioaktiv. Dank Thorium-X wurden allerdings nicht nur die „zerstörerischen Bakterien“ vertrieben, wie die Reklame meinte, sondern das Zahnfleisch gleich mit dazu. Die Radioaktivität hatte zu dieser Zeit noch ein durch und durch positives Image. Sie wurde nicht nur als Allheilmittel gepriesen, sondern war modern, ja sogar chic. Kein Wunder also, dass sie völlig sorgenfrei in Alltagsprodukten verwendet wurde. Man aß radioaktive Schokolade, lutschte Radium-Pastillen, trank strahlendes Wasser und schmierte sich ebensolche Butter aufs Brot. Die Schuhe wurden mit radioaktiver Schuhcreme geputzt und es gab sogar Radium-Kondome. Erst mit den Atombombenabwürfen auf Hiroshima und Nagasaki wurden radioaktive Alltagsprodukte unverkäuflich und auch die radioaktive Zahncreme Doramad verschwand 1945 vom Markt. 


Giftiges Bleiweiß im Gesicht:

Eine noble Blässe war schon im antiken Griechenland en vogue, könnte man sagen. Zwar gab es damals schon wunderhübsche weiße Schminken, doch leider waren die hochgiftig, weil sie nämlich Blei enthielten. Wer dieses Bleiweiß über einen längeren Zeitraum hinweg auftrug, konnte sich alsbald auf Kopf- und Zahnschmerzen, Lähmungen, Mundgeruch, Haarausfall sowie höchst unschöne Abszesse auf der Haut einstellen. Wenn sich derartige Symptome einer Bleivergiftung ankündigten, gab es für die Fashion-Vicitims bis ins 19. Jahrhundert hinein nur einen einzigen Ausweg aus der Misere: Noch mehr Bleiweiß auftragen, um zumindest die gröbsten Schädigungen zu überdecken. Einfach kein Bleiweiß mehr nachzuschminken, war allerdings keine Alternative, denn das weiße Antlitz galt nicht nur als topmodisch, sondern war zudem auch noch ein wichtiges Statussymbol. Wer eine blasse Haut hatte, konnte nämlich mitnichten den ganzen Tag über draußen an der frischen Luft in der sengenden Sonne geschuftet haben. 


Haarentfernung per Röntgenstrahl:

Wilhelm Conrad Röntgen ließ sich die Entdeckung der Röntgenstrahlen nicht patentieren. Da Ende des 19. Jahrhunderts niemand so genau wusste, was das eigentlich für Strahlen waren, geschweige denn welche Wirkungen sie hatten, stellten viele ihre eigenen Versuche mit dieser neuen Art von Strahlung an. So ließ sich mit ihrer Hilfe beispielsweise die Passform von Schuhen einfach und schnell überprüfen. Albert C. Geyser aus New York City hatte noch eine andere Idee. Anfang des 20. Jahrhunderts konnten sich die Amerikanerinnen in seinen Schönheitssalons mit dem sogenannten Tricho-System behandeln lassen und so der unerwünschten Gesichtsbehaarung den Garaus machen. Doch es dauerte nicht lange, bis Hautärzten die ersten Strahlenschäden auffielen. Albert C. Geyser wurde selbst schwer strahlenkrank und verlor unter anderem beide Hände. Etliche der Frauen, die sich in seinen Schönheitssalons bestrahlen ließen, wurden entstellt oder verstarben später sogar aufgrund der Behandlung mit dem Tricho-System.


Läuse auf den Lippen:

Katharina von Medici (1519 - 1589) war eine der ersten Europäerinnen, die sich ihre Lippen und Wangen mit dem damals brandneuen Spanischen Rot färbte. Das hieß so, weil es aus Cochenilleschildläusen gemacht war, die spanische Kaufleute in der Folge der Konquista­doren aus dem damals gerade erst entdeckten Amerika mitbrachten. Zwar gab es in Europa schon die Kermesschildläuse, die ebenfalls für die Herstellung roten Farbstoffs herhalten mussten, aber die amerikanischen Cochenilleschildläuse waren ergiebiger und der daraus gewonnene Farbstoff einfacher in der Herstellung. Das wunderhübsche Karminrot der Schildläuse oder auch Scharlachrot, wie es ebenfalls genannt wird, findet selbst heute noch Verwendung in der Kosmetikindustrie, unter anderem auch im Lippenstift. Aktuell wird es allerdings immer häufiger von synthetischen Farbstoffen verdrängt. Die Lebensmittelindustrie kennt das schöne Rot übrigens als Lebensmittelfarbstoff bzw. Lebensmittelzusatz unter der kryptischen Bezeichnung E 120.


Hochgiftiger Nachtschatten im Auge: 

Die Blätter, aber auch die Beerenfrüchte der Schwarzen Tollkirsche, auch Waldnachtschatten genannt, sind hochgiftig. Schon sehr geringe Mengen können zu Halluzinationen und Rauschzuständen, ja sogar zum Tod führen. Der Saft der gefährlichen schwarzen Beeren hat aber auch eine pupillenerweiternde Wirkung, was sich schon die Augenärzte des 18. Jahrhunderts zu Nutze machten. Ganz nebenbei sehen geweitete und sehr große Pupillen aber natürlich auch verführerisch aus. Kein Wunder also, dass die Damenwelt den Beerensaft über Jahrhunderte hinweg verwendete, um den Herren der Schöpfung im wahrsten Sinne des Wortes schöne Augen zu machen. Nicht umsonst nennen sich hübsche Frauen im Italienischen auch Bella Donna, denn so heißt die Schwarze Tollkirsche botanisch: Atropa belladonna. Mit der sorglosen Anwendung der hochgiftigen Augentropfen mussten selbstverständlich auch ganz handfeste Vergiftungserscheinungen in Kauf genommen werden, aber das schreckte die damaligen Fashion Victims nicht ab. 


Mehl im Haar:

Perücken täuschen eine Haarpracht vor, die auf natürlichem Wege nicht (mehr) wächst. Zum absoluten Must-Have wurden sie aber erst im 17., 18. und 19. Jahrhundert. Als der Sonnenkönig Ludwig XIV. zur Perücke griff, ging bei den blaublütigen Herren ohne die Allongeperücke, die eine lange Lockenpracht vorgaukelte, rein gar nichts mehr. Derweil türmten sich die Pendants der adeligen Damen bald in immer atemberaubendere Höhen auf. Doch die vorgetäuschte Haarpracht war nicht nur ein reines Statussymbol. Sie war auch bitter nötig, denn die giftige bleiweiße Schminke, die sich der Adel ins Gesicht schmierte, ließ die Haare gleich büschelweise ausfallen, Krankheiten wie Syphilis taten ein übriges. Die dunklen Perücken wurden im 18. Jahrhundert heller, bis schließlich Modelle in Mode kamen, die mit Mehl weiß gepudert wurden. In der britischen Justiz wurde die Pflicht zum Tragen einer Perücke übrigens erst im Jahr 2011 endgültig abgeschafft. 


Arsen in der Kleidung:

Eine der beliebtesten Modefarben des 19. Jahrhunderts war das sogenannte Pariser Grün, auch Schweinfurter Grün oder Wiener Grün genannt. Ein anderer Name dafür ist Giftgrün und das hat durchaus seinen Grund, denn das modische Grün enthielt das hochgiftige Arsen. Da die schöne neue Farbe aber so überaus modern und chic war, und die Gefahren zuerst noch nicht bekannt, wurde es so ziemlich überall verwendet, wo es nur ging. Tapeten und sogar Kinderspielzeug erstrahlten damals im allerschönsten Arsengrün, ebenso wie Stoffe und Kleider. Arsen kann nicht nur unter bestimmten Bedingungen in die Raumluft übergehen und so eingeatmet werden, nein, es ist auch ein gefürchtetes Kontaktgift. Man ahnt es irgendwie schon: Mit arsenhaltiger Farbe getränkte Kleidung zu tragen, war keine gute Idee. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurde das arsenhaltige Grün schließlich in Deutschland verboten, allerdings nur als Farbe, denn zum Zwecke der Insektenvertilgung eignete es sich immer noch hervorragend. 


CS

Lippenstift