Mitternachtslektüre

"Wir werden sterben wie Gentlemen" - Der tödliche Wettlauf zum Südpol


Als  britische Marineoffizier Robert Falcon Scott im Juni des Jahres 1910 an Bord des ehemaligen Walfängers „Terra Nova“ aufbricht, den Südpol für das britische Empire zu erobern, ahnt er noch nicht, dass ihm schon bald ein erbitterter Konkurrent seinen Platz in den Geschichtsbüchern streitig machen wird, ja mehr noch: Sein Scheitern am südlichsten Punkt der Erde nimmt den Untergang des geliebten britischen Weltreiches schon symbolisch vorweg. So zumindest werden es später einige Historiker sehen. 


Zuerst allerdings sieht alles danach aus, dass es ein waschechter britischer Held sein wird, der als erster Mensch überhaupt einen Fuß auf den letzten weißen Flecken der Landkarte setzt. Selbst sein späterer Kontrahent, der Norweger Roald Amundsen, weiß zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass er in nur wenigen Wochen ebenfalls Kurs auf den südlichsten Punkt der Erde nehmen wird. 


Eigentlich will Amundsen damals nämlich den Nordpol erkunden, erfährt dann aber, dass bereits die US-amerikanischen Polarforscher Robert Edwin Peary und Frederick Cook öffentlich darum streiten, wer von beiden den Nordpol denn nun als erster bezwungen hätte. Also ändert Amundsen kurzerhand seine Pläne und verlegt sein Vorhaben auf ein prestigeträchtigeres Projekt: die Eroberung des Südpols. 


Ein Vierteljahr nach Scott, am 9. September 1910, bricht der Erstbezwinger der Nord-West-Passage Roald Amundsen von Madeira aus ins Südpolarmeer auf, und zwar an Bord des legendären Dreimastschoners „Fram“, dem Schiff Fridtjof Nansens, das damals eigens für diese Expedition mit einem Dieselmotor ausgerüstet wird, als erstes Schiff der Welt überhaupt. 


Am 12. Oktober 1910 lässt Amundsen seinem britischen Konkurrenten ein Telegramm zustellen, in dem er ihm mitteilt, ebenfalls Kurs auf den Südpol zu nehmen. Scott trifft förmlich der Schlag, als er davon erfährt. Der Expeditionsarzt Dr. Edward Adrian Wilson notiert in sein Tagebuch: „Scott ist in einem katastrophalen Zustand. Natürlich denkt er, dass Amundsen als Erster am Pol sein wird, wenn er nicht gerade Pech hat. Seine Expedition ist ruiniert.“ 


In der Tat ist Amundsen ein erfahrener Polarforscher, der allerbestens vorbereitet und ausgerüstet ist und nichts dem Zufall überlässt. Dennoch fürchtet er Scotts Geheimwaffe so sehr, dass er unbedingt selbst an Bord der „Terra Nova“ gehen will, um mehr darüber zu erfahren, als sich die beiden Expeditionen am 14. Februar 1911 auf Sichtweite am Schelfeisrand des Ross-Meeres begegnen. 


Der Brite setzt nämlich im Gegensatz zum Norweger nicht nur auf eine bewährtere und bekanntere Route zum Pol, sondern auch auf die allerneueste Technik: drei Motorschlitten, die das schnelle Vorauskommando bilden sollen. Doch beim Aufeinandertreffen der beiden Expeditionen kann der Norweger punkten: Die Briten werden nun Zeuge, wie überaus flink ein Hundeschlitten sein kann, als Amundsen mit seinen schnellsten Tieren Kurs auf die „Terra Nova“ nimmt. Die Mannschaft ist begeistert und jubelt ihm sogar zu. 


Scott hingegen hat aus Sorge, Hundeschlitten seien nicht leistungsfähig genug und könnten seiner Expedition darüber hinaus „das Heroische“ nehmen, selbst nur ganz wenige dieser Tiere an Bord. Ein Fehler, wie sich zeigen sollte und keinesfalls der einzige. 


Schon beim Abladen vom Schiff bricht einer der schweren Motorschlitten durchs Eis und versinkt für immer im südlichen Polarmeer. Die beiden verbliebenen Exemplare machen sich am 24. Oktober 1911 auf den Weg zum Pol. Doch schon nach nur 80 Kilometern ist Schluss: Einem der mit eineinhalb Tonnen beladenen Schlitten bricht die Achse, der andere fällt mit Motorschaden aus. Da aber Ersatzteile und passendes Werkzeug fehlen, ist die Expedition für Scotts Wunderwaffe hier schon zu Ende, bevor sie überhaupt richtig begonnen hat. 


Als wenn er es geahnt hätte, setzt der britische Offizier nun seine ganze Hoffnung auf die 19 mandschurischen Ponys, die einst schon seinem großen Vorbild Ernest Shackelton gute Dienste erwiesen haben. Zwar sind die Tiere große Kälte gewöhnt, aber vor den eisigen Stürmen müssen selbst sie mit hohen Wällen aus Schnee geschützt werden. Auch den Schweiß muss man regelmäßig aus dem Fell entfernen, bevor er festfrieren und den Tieren so ernsthaften Schaden zufügen kann. Außerdem versinken die Ponys viel tiefer im Schnee als erwartet, was immens an ihren Kräften zehrt und sie stark abmagern lässt. All das kostet Zeit sowie Energie und so gibt Scott die Ponys auf.


Nun hat er nur noch die wenigen sibirischen Schlittenhunde, die seine Expedition zum Ziel führen können. Doch am 11. Dezember schickt er sie zusammen mit fünf Norwegern des Teams zurück. „In den arktischen Regionen geht nichts über den ehrlichen Gebrauch der Beine“, hatte er Jahre zuvor schon einmal verlauten lassen und nun sollten die noch verbliebenen Männer am eigenen Leib zu spüren bekommen, was es heißt, bei 20 Grad minus und mehr die schwer beladenen Schlitten mit den bloßen Händen ziehen zu müssen und zwar noch mehrere Dutzend Tage lang bis zum Pol. So schreibt auch Henry Robertson Bowers am 14. Dezember 1911 in sein Tagebuch: „Der Schlitten bricht einem das Kreuz.“ 


Die körperliche Verfassung der verbliebenen acht Männer verschlechtert sich unter diesen Umständen zusehens, das Wetter trägt seinen Teil dazu bei. Weihnachten gibt es zwar Plumpudding und auch Rosinen, laut Scott kommt sogar so etwas wie Weihnachtsstimmung und Vorfreude auf den Pol auf, aber in Wahrheit sind die Männer am Ende ihrer Kräfte angelangt. 


Am 3. Januar stellt Scott sein Polteam zusammen und schickt die übrigen Männer zurück. Scott selber ist natürlich dabei, sowie auch Dr. Edward Adrian Wilson, Lawrence Oates, Edgar Evans und Henry Robertson Bowers. Längst aber ist die Eroberung des Südpols für die Männer zum reinen Überlebenskampf geworden. 


Am 18. Januar des Jahres 1912 erreicht Robert Falcon Scott zusammen mit seinen letzten vier Getreuen den Südpol. Doch zu ihrem großen Entsetzen ist Amundsen ihnen zuvor gekommen - und zwar um ganze 35 Tage. In nur 99 Tagen ist der Norweger zum Pol geeilt und wieder zurück, ganze 3.000 Kilometer. 

Gemälde Südpol,J. C. Dollman, Lawrence Oates opfert sich

Amundsen setzt dabei auf seine einhundert grönländischen Schlittenhunde und startet mit seinem Team in der Bucht der Wale über 100 Kilometer näher am Pol als Scott. Die schweren Holzschlitten hat er um ein Drittel ihres ursprünglichen Gewichtes abschleifen lassen. 


Am 14. Dezember 1911 erreicht die „Fram“-Expedition den Südpol und hisst die norwegische Fahne. Dennoch sagt Amundsen über diesen Tag später: „Ich kann nicht behaupten, dass ich da vor dem Ziel meines Lebens stand.“ Ja mehr noch: Die erfolgreiche Eroberung des Südpols ist für immer überschattet vom tragischen Ende der konkurrierenden Briten, die später in der Heimat wie wahre Helden verehrt werden. 


Als Scott und seine Männer am 18. Januar 1912 am Pol stehen, sind sie bitter enttäuscht und am Ende ihrer Kräfte. Scott notiert noch am selben Abend in das Exeditionstagebuch: „Vor uns liegen ganze 1500 Kilometer schweren Schlittenziehens, lebt wohl ihr Träume!“ Schon zwei Tage zuvor hatte er den Aufzeichnungen die Sorge um sein Leben und das seiner Männer anvertraut: „Uns graut vor dem Rückweg!“ 


Zum Erstaunen aller geht es die ersten 500 Kilometer noch recht gut voran, doch dann geht der Überlebenskampf der Briten in seine letzte Phase. Edgar Evans stirbt. In einem Brief an Sir Edgar Speyer schreibt Scott später am 16. März im Angesicht des Todes: „Wir werden sterben wie Gentlemen.“ 


Noch in der gleichen Nacht verabschiedet sich der schwer mit Wundbrand infizierte Lawrence Oates inmitten eines Schneesturms von den anderen, denen er nicht zur Last fallen will: „Ich werde ein wenig hinausgehen. Vielleicht bleibe ich eine Weile.“ Er kehrt nie zurück. 


Die eisige Kälte und die extreme Unterernährung fordern schließlich ihr letztes Opfer: Am 29. März des Jahres 1912 sterben die letzten drei Männer in ihrem Zelt: Robert Falcon Scott, Henry Robertson Bowers und Dr. Edward Adrain Wilson. Nur 18 Kilometer trennen sie noch vom lebensrettenden Depot und das, nachdem sie schon über 1300 Kilometer Rückweg überwunden haben. Die bittere Ironie des Schicksals: Ursprünglich einmal hatte dieses Depot 50 Kilometer weiter südlich stehen sollen. Dann hätten sie es bereits vor 32 Kilometern erreicht gehabt. 


CS