Mitternachtslektüre

Wiegt die Seele 21 Gramm?

Der US-amerikanische Arzt Dr. Duncan MacDougall fragte sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts: War es nicht möglich, die Existenz einer unsterblichen Seele wissenschaftlich nachzuweisen, indem man einen Sterbenden einfach wog? Schließlich musste der Körper doch leichter sein, nachdem die Seele ihn verlassen hatte und wenn auch nur um ein paar Gramm. 

Die Idee erschien MacDougall bestechend genug, um es zu versuchen. Also positionierte er ein Bett auf einer überdimensionalen Präzisionswaage, die auf 5 Gramm genau ging, und hielt Ausschau nach geeigneten Probanden, die im Sterben lagen. Als problematisch bei der Auswahl der Versuchspersonen erwies sich die Fragilität seiner waagen Konstruktion, denn „Muskelbewegungen des Sterbenden konnten das Messergebnis verfälschen“, wie er 1907 in einer Arbeit zum Thema vermerkte.

Als ideal sollten sich Tuberkulosepatienten erweisen, von denen der erste dann auch „nach drei Stunden und vierzig Minuten strengster Beoabachtung“ auf der Waage das Zeitliche segnete, wie MacDougall peinlichst genau notierte. Das Erstaunlichste daran aber war für den Mediziner: „Exakt in dem Moment, in dem der Patient verstarb, schlug die Anzeige der Waage an.“ Für MacDougall konnte das nur eines bedeuten: „Ist das das Gewicht der Seele? Wie anders sollte man es erklären. Ich denke also, dass es genauso ist.“ Demnach würde die Seele also 21 Gramm wiegen. 

Kritikern, die es auch damals schon reichlich gab, und die ihm allerlei Ungenauigkeiten im Versuchsablauf vorwarfen, kam der Mediziner wohlweislich zuvor, indem er ebenfalls penibelst genau notierte, welche anderen Gewichtsverluste, etwa durch das Schwitzen, auftraten. 

Die 21 Gramm ließen MacDougall nicht ruhen und so mussten weitere Experimente her, um diese Zahl zu stützen. Damit begann die schöne Theorie vom Seelengewicht allerdings arg zu bröckeln. Die fünf weiteren Experimente mit Sterbenden, vier tuberkulosekranken Männern und eine komatösen Frau, konnten die ersten Versuchsergebnisse nämlich keinesfalls bestätigen. Bei einigen der Probanden stieg das Gewicht nach deren Ableben sogar wieder, so dass MacDougall zwei der Versuche lieber gleich von vornherein als ungültig erklärte. 

Die verbleibenden Ergebnisse konnte er sich dann aber auch selbst nicht mehr so recht erklären und sogar die gutgemeinten Ratschläge von Kollegen halfen ihm nicht wirklich weiter. So schlug ein New Yorker Arzt beispielsweise vor, anstatt mit Todkranken zu experimentieren, doch lieber gleich kerngesunde Menschen ins Jenseits zu befördern, um so etwa die Auswirkungen eventueller Zersetzungserscheinungen minimieren zu können. Eine Lösung hatte der Mediziner auch schon parat: verurteilte Straftäter, die auf dem elektrischen Stuhl hingerichtet wurden. 

Die Seele musste sich doch aber auch noch auf andere Art nachweisen lassen und so begann der Forscherdrang in MacDougall wahrhaft Kapriolen zu schlagen. Plötzlich entdeckte er seltsame Schatten auf Röntgenbildern und sogar einen gleißenden Lichtstrahl will er beim Verlassen des menschlichen Körpers beobachtet haben. Spätestens jetzt hatte er sich allerdings endgültig zum Gespött der Wissenschaft gemacht und nicht nur hinter vorgehaltener Hand lachte man nun über ihn. Am Ende ist MacDougall sogar noch in die Wissenschaftsgeschichte eingegangen, allerdings als Negativbeispiel. 

CS

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