
Der Fluch des Pharao
Am 16. Februar 1923 öffneten der britische Archäologe Howard Carter und sein Auftraggeber Lord Carnarvon die Grabkammer des ägyptischen Pharaos Tutanchamun. Die Hoffnungen auf neue wissenschaftliche Erkenntnisse, vor allem aber auf unermessliche Reichtümer war damals riesengroß. Von Anfang an mischten sich aber auch kritische Stimmen in die Glückwünsche zum Jahrhundertfund: Durfte man die Totenruhe des Pharaos stören?
Schon bald machten erste Gerüchte über einen Fluch die Runde, einen Fluch, mit dem das Grab des Pharaos geschützt sei. „Der Tod wird auf schnellen Schwingen zu demjenigen kommen, der die Ruhe des Pharaos stört“, soll auf einer Tontafel gestanden haben, die in der Grabstätte gefunden wurde, so hieß es in einer der verbreitetsten Versionen des Gerüchtes. Auch wenn der Grabungsleiter Howard Carter nichts von einem Fluch hören wollte, so kam es in der Folge der Graböffnung doch zu einigen Vorfällen, die den Mythos vom Fluch des Pharaos bis heute am Leben erhalten.
Schon am 22. Dezember des Jahres 1922 berichtete die New York Times über ein Ereignis im Hause Howard Carters, das im Nachhinein als böses Omen gedeutet werden konnte. Auf der Veranda des Hauses habe eine Cobra den Kanarienvogel des Hausherren angegriffen, hieß es da, was „interessant“ sei. Das Interessante daran war, dass die sich aufbäumende Cobra (Uräusschlange) in der ägyptischen Mythologie als Schutzsymbol der Pharaonen gilt.
Es sollte sogar noch mysteriöser werden: In den frühen Morgenstunden des 5. Aprils 1923 verstarb Lord Carnarvon, der Geldgeber der Grabungsarbeiten, in Kairo. Etwa zur gleichen Zeit fiel in ganz Kairo der Strom aus. Doch dies war erst der Anfang einer ganzen Reihe von Todesfällen, die manche Zeitgenossen damals dem Fluch des Pharaos zuschrieben, der damit weltbekannt wurde.
Zu den Verstorbenen zählten unter anderem die beiden Zeichner der Ausgrabungen, Walter Hauser und Lindsley Foote Hall, sowie der Leiter der Ausgrabungen Howard Carter selbst. Der Archäologe Arthur Weigall war unter den Toten, ebenso wie der Röntgenologe Archibald Douglas Reid, der die Mumie des Tutanchamuns untersucht hatte. Aber auch Verwandte Lord Carnarvons, ja sogar sein Lieblingshund und einige Besucher der Grabstätte verstarben nach und nach. Der Literaturwissenschaftler Gardian La Fleur zählte dazu, ebenso wie ein Freund Lord Carnarvons, der amerikanische Millionär George Jay Gould, und andere. Die Todesfälle häuften sich derart, dass sie von der zeitgenössischen Presse sogar durchnummeriert wurden.
Das I-Tüpfelchen setzte dem Ganzen noch der Arzt und Sherlock-Holmes-Autor sowie bekennende Spiritist Conan Doyle auf, der in einem Zeitungsinterview damals davon sprach, „etwas elementar Böses könnte für den Tod Lord Carnarvons verantwortlich sein“. Mehr Fluch geht wohl nicht.
Doch, mal ganz ehrlich: Was ist wirklich dran an diesem mysteriösen Fluch des Pharaos? Ein Vogel, der in Ägypten von einer Cobra angegriffen wird: Das war damals in etwa so außergewöhnlich wie ein Sack Reis, der in China umgefallen ist, wenn man das mal so sagen darf. Ein Stromausfall in Kairo? Das passiert selbst heute noch etwa drei- bis viermal am Tag. Und die mysteriöse Todesserie? Die war keinesfalls so mysteriös, wie manche Menschen sogar heutzutage noch glauben.
Lord Carnarvon war zwar in der Tat erst 56 Jahre alt, als er starb, dafür aber ein geschwächter und gesundheitlich angeschlagener Mann, der noch immer unter den Folgen eines schweren Autounfalls aus dem Jahr 1901 zu leiden hatte. Letztendlich schnitt er sich beim Rasieren, woraufhin sich eine schwere Blutvergiftung entwickelte. Als er diese kurieren wollte, zog er sich eine tödliche Lungenentzündung zu. Am 21. März 1923 notierte Carter, der den Aristokraten in seinem Hotel in Kairo besucht hatte, in sein Tagebuch: „Ich fand Lord Carnarvon sehr krank mit einer Blutvergiftung und einer Wundrose vor.“ Am 26. März schrieb er: „Lord Carnarvon entwickelte eine Lungenentzündung.“ Der Eintrag am 5. April lautete: „Der arme Lord Carnarvon verstarb in den frühen Morgenstunden.“
Der amerikanische Ägyptologe Herbert E. Winlock unterzog die Todesfälle, die dem Fluch des Pharaos zugeschrieben wurden, schon im Jahre 1934 einer genaueren Untersuchung. Demnach verstarben von den zwei Dutzend bei der Graböffnung anwesenden Personen lediglich sechs innerhalb von zehn Jahren und von den 22 Menschen, die der Öffnung des Sarkrophages beigewohnt hatten, nur zwei. Die zehn Personen, die beim Auswickeln der Mumie dabei waren, überlebten die nächsten zehn Jahre allesamt.
Nun könnte man natürlich einwenden, dass der Fluch dann eben später zugeschlagen habe. Aber mal ganz ehrlich: Lady Evelyn, die Tochter Lord Carnarvons, die das Grabmal als eine der erste betreten hatte, starb 1980 im hohen Alter von 79 Jahren. Howard Carter war 1939, als er starb, immerhin 64 Jahre alt. Der Mentor Carters, Percy E. Newberry, verstarb 1949 mit immerhin 81 Jahren und Sir Alan Gardiner, der die Hieroglyphen studiert hatte, wurde ganze 84 Jahre alt. Auf ganz so schnellen Schwingen war der Tod dann also wohl doch nicht unterwegs.
CS
