Mitternachtslektüre

Die dunklen Geheimnisse der Märchenprinzen


„Sie lebten glücklich und zufrieden bis ans Ende ihrer Tage“, heißt es im Märchen so schön. Der furchtbare Drache ist ein für alle Male besiegt, Gold und Edelsteine gibt es plötzlich im Überfluss. Toll. Aber was ist aus der großen Liebe geworden? Was macht der gute Herr Prinz, während die ehemalige Bauerstochter und frischgebackene Königin in spe ihre funkelnagelneuen Schuhe ausprobiert? Klettert er in seiner Freizeit vielleicht irgendwelche türlosen, endlos hohen Türme empor, nur so aus sportlichem Ehrgeiz, während sich Rapunzel zu Hause die Haare rauft oder sogar unglücklich in ihr Kissen schluchzt? 


Wir wissen es nicht. Darüber schweigen sich die Märchen aus. Einiges spricht sogar dafür, dass die allerschönsten Märchenprinzen keineswegs immer die beste Wahl sind. Vielleicht hätte die arme Bauerstochter ja doch lieber den Dümmling von nebenan heiraten sollen, den aus dem Zauberwald. Klar, Prinzen lösen im Märchen schier unlösbare Rätsel, besiegen unbesiegbare Drachen und entkommen selbst den ausgefeiltesten Verwünschungen. Aber wissen sie auch, was eine Frau wirklich glücklich macht - also jetzt mal außer Gold, Edelsteinen und neuen Schuhen bis zum Abwinken? 


„Der Prinz im Märchen ist untüchtig in der alltäglichen Welt, ohne geistige Ansprüche, nicht dumm, aber naiv im besten Sinne. Einen Beruf hat er nicht, dafür aber eine Berufung. Er ist neugierig, aktiv, furchtlos, willensstark, durchhaltefähig und wählt immer richtig“, ist sich der Volkskundler Rainer Wehse in der Enzyklopädie des Märchens sicher, dem vielgerühmten Standardwerk der Branche. Über seine Gefühle spricht der durchschnittliche Königssohn dann auch nicht allzu gerne. Zwar schwärmt er vor der Ehe durchaus davon, die Zukünftige sei doch „so lieblich anzuschauen“ oder auch ihr Gesang „betöre“ dermaßen, dass man als Prinz ja schon gar nicht mehr anders könne, als einfach drauflos zu heiraten. Aber das ist leider nur die halbe Wahrheit, denn Märchenprinzen können auch ganz anders. 


Aschenputtel etwa wird schon gleich beim allerersten Tanz verboten, sich auch noch mit anderen Männern abzugeben: „Das ist meine Tänzerin“, herrscht der vermeintliche Traummann die potentielle Konkurrenz an. Anschließend gibt er auch noch Befehl, die gesamte Treppe mit Pech bestreichen zu lassen, um so in den Besitz des begehrten Schuhs der Auserwählten zu kommen - eine ganz hinterhältige Tour. Dornröschen und Schneewittchen werden gar nicht erst gefragt, ob sie überhaupt irgendetwas mit dem angereisten Königsverschnitt zu tun haben wollen, da wird sofort drauflos geknutscht. Es stört anscheinend nicht einmal, dass die Guten dabei keineswegs bei Besinnung sind. 


Andererseits gilt es aber natürlich auch keine Zeit zu verlieren. Ist der Prinz nämlich erst einmal erwachsen, wird es allerhöchste Eisenbahn für eine passende Partnerin. Die schlechteste Partie im Märchen dürfte so vielleicht auch Blaubart sein, zumindest wenn man den Gebrüdern Grimm in der Erstausgabe ihrer Kinder- und Hausmärchen Glauben schenken darf. Nur weil er ganz protzig mit einem „goldenen Wagen mit sechs Pferden und einer Menge Bedienten“ vorfährt, ist der Vater der Heldin gleich dermaßen von den Socken, dass er es gar nicht mehr für notwenig hält, seine Tochter überhaupt zu fragen, ob sie denn auch gewillt ist, mit dem wildfremden Mann einfach davonzufahren. 


Im Märchen heißt es dazu nur: „Der Mann war froh, dass seiner Tochter ein solches Glück widerfuhr, und sagte gleich ja.“ „Na super“, wird sich das Mädel da gedacht haben. Zweifel hat sie nämlich von Anfang an, denn der Bart des königlichen Angebers ist ihr mehr als nur eine Spur zu blau: „Das Mädchen erschrak auch anfangs davor, und scheute sich, ihn zu heiraten, aber auf Zureden ihres Vaters, willigte es endlich ein.“ Dennoch geht die Heldin vorsichtshalber auf Nummer Sicher und sagt zu ihren Brüdern vor der Abfahrt: „Liebe Brüder, wenn Ihr mich schreien hört, wo ihr auch seid, so lasst alles stehen und liegen und kommt mir zu Hilfe.“ Das hört sich ja nun nicht gerade wie der Beginn einer vielversprechenden Romanze an, oder? 


Dann aber mausert sich Blaubart doch noch zum perfekten Traummann: „Und was die Königin nur wünschte, das geschah.“ Fast könnte man meinen, die Geschichte hat doch noch ein Happy End. Aber dann kommt es zu dieser schicksalsträchtigen Dienstreise des Herrn König und damit werden die allerschlimmsten Befürchtungen der Heldin doch noch wahr. Natürlich geht sie in das verbotene Zimmer und selbstverständlich kommt er später dahinter. Dummerweise bewahrt Blaubart in diesem Raum alle seine Verflossenen und Ex-Königinnen auf und so „schwomm ihr ein Strom Blut entgegen“, als sie die Tür öffnet. Bei dem guten Herrn König stimmt also wohl nicht nur mit dem Bart etwas nicht. Auf jeden Fall schafft es die Heldin dann doch noch in allerletzter Sekunde ihre Brüder zu Hilfe zu rufen und die nehmen sich dann dem blaubärtigen Serienmörder an. Happy End? Na ja, geht so. 


CS

Illustration Märchenprinzen