Mitternachtslektüre

John Franklin brach auf, um die Nordwestpassage zu suchen - und verschwand


Am 19. Mai des Jahres 1845 brach eine der bestausgerüsteten Expeditionen des 19. Jahrhunderts auf, um die Nordwestpassage zu suchen und scheiterte desaströs. Dabei waren die Voraussetzungen damals eigentlich perfekt, endlich das zu schaffen, was seit Jahrhunderten niemandem gelingen wollte. Nie zuvor hatten die Chancen besser gestanden, das damals noch fehlende etwa 500 Kilometer lange Teilstück der sagenhaften Nordwestpassage auffinden und kartieren zu können, das den Atlantik mit dem Pazifik verbindet und so einen kurzen Seeweg nach Asien ermöglicht.


Die Leitung der britischen Expedition durch das Polarmeer hatte der berühmte Konteradmiral und Polarforscher Sir John Franklin übertragen bekommen, der als Garant für das Gelingen des schwierigen Unterfangens galt. Zwar war dieser mit 59 Jahren für damalige Verhältnisse schon relativ alt, was zeitgenössische Kritiker bemängelten, doch eilte ihm immer noch ein hervorragender Ruf voraus, und das, obwohl er sich aufgrund des Scheiterns einer früheren Expedition den wenig schmeichelhaften Beinamen „der Mann, der seine Schuhe aß“ erworben hatte. 

Franklin standen die Schiffe „HMS Erebus“ und „HMS Terror“ zur Verfügung, die damals nach dem neuesten Stand der Technik ausgerüstet waren. Die als ehemalige Kriegsschiffe ohnehin schon überaus stabil gebauten Dreimaster waren durch Stahlarmierungen noch weiter verstärkt worden, um dem enormen Druck des Packeises standhalten zu können. Jedes der Schiffe verfügte über eine zusätzliche Dampfmaschine, die auch bei völliger Windstille noch ein Vorwärtskommen ermöglichte. 

Zudem gab es eine kohlebetriebene Heißwasserheizung an Bord, sowie eine Entsalzungsanlage für Meerwasser. Die insgesamt 134 Männer der Expedition waren mit Vorräten für ganze drei Jahre ausgerüstet, u. a. mit 61.987 Kilogramm Mehl, 16.749 Liter Schnaps, 4.287 Kilo Schokolade und 4.200 Liter Zitronensaft zur Skorbut-Prävention. Zudem führte die Expedition 8.000 der damals noch neuartigen Konservendosen mit Fleisch und Gemüse mit sich - was sich als fatal erweisen sollte. 

Aber auch für die Unterhaltung war gesorgt. Fast 3.000 Bücher standen den Expeditionsteilnehmern zur Verfügung sowie zwei Drehorgeln, die man mit an Bord genommen hatte. Präzise Jagdwaffen, Schlitten und Transporttiere, wie etwa die kältegewöhnten Jakutenponys oder Schlittenhunde, wurden allerdings nicht mitgeführt, was sich als folgenschweres Versäumnis herausstellen sollte. 

Zu Beginn der Expedition lief allerdings erst einmal alles nach Plan. Selbst als am 12. Juli 1845 fünf Seeleute aus Krankheitsgründen auf Grönland von Bord gehen mussten, war das kein Grund zur Beunruhigung. Ganz im Gegenteil sogar war die Stimmung „bemerkenswert gut“, wie der Kapitän des Walfängers „Prince of Wales“ in sein Logbuch notierte, der am 28. Juli 1845 in der Baffin-Bucht auf die beiden Expeditionsschiffe getroffen war, als diese an einem großen Eisberg festgemacht hatten, um auf besseres Wetter zu warten. „Sie gehen davon aus, dass ihr Unterfangen bald abgeschlossen sein wird“, schrieb Kapitän Dannett weiter. 

Was zu diesem Zeitpunkt noch niemand ahnen konnte: Keiner der Männer würde je zurückkehren. Was wirklich geschah und warum die Expedition derart scheitern konnte, ist bis heute nicht bekannt. Später ausgeschickte Suchtrupps fanden in einem Steinmal am Victory-Point auf der King-William-Insel das einzige Schriftstück, das Auskunft über den weiteren Verlauf der Expedition gibt. Die Expeditionsteilnehmer hatten es dort am 28. Mai 1847 deponiert. 

Demnach verbrachten die Schiffe den Winter des Jahres 1845 im Packeis vor der Beechey-Insel. Winterquartiere im Eis waren durchaus eingeplant und nichts Außergewöhnliches. Als das Eis in Sommer 1846 aufgetaut war, segelten die Schiffe dann auch durch den Peel-Sund weiter zur King-William-Insel. Am 12. September des Jahres 1846 steckten sie abermals im Packeis fest und so musste die Expedition ein zweites Mal überwintern. Als die Expeditionsteilnehmer am 28. Mai 1847 die Notiz im Steinmal hinterließen, waren sie guter Hoffnung. Das Schreiben endet mit: „Alle sind wohlauf“. 

Doch der Sommer des Jahres 1847 brachte nicht die erhoffte Erwärmung und so steckten die Schiffe weiterhin im Packeis fest. Die Männer mussten wohl oder übel ein drittes Mal im ewigen Eis überwintern. Die Expedition war damit im wahrsten Sinne des Wortes festgefahren. 

Am 25. April 1848 ergänzten die Männer das Schriftstück im Steinmal - und dieses Mal war der Text mehr als beunruhigend. „Bis zu diesem Datum sind bereits neun Offiziere und 15 Seeleute gestorben“, hieß es da, „Sir John Franklin starb am 11. Juni 1847“. Francis Crozier, der jetzt ranghöchste Offizier, beendete das Schreiben mit: „brechen morgen, 26., in Richtung Back's Fish-River auf“. Das bedeutete nichts anderes als einen hunderte Kilometer langen Fußmarsch unter schwersten Bedingungen und größten Entbehrungen in extremer Kälte. 

Inzwischen machte sich auch die Admiralität in England Gedanken über den Verbleib der Expedition und lobte im Frühjahr 1848 ganze 20.000 Pfund Sterling (heutiger Wert rund 2 Millionen Euro) aus, um die Überlebenden aufzufinden. In der Folge machten sich nach und nach 20 Expeditionen auf, die Überlebenden zu retten oder zumindest doch die Leichen zu finden. 

Einige sprachen vor Ort mit Inuits, die Dutzende „weiße Männer“ gesehen hatten, die durch das Eis geirrt waren und „einfach umfielen“. Eine weitere Information der Inuits wollten damals allerdings viele der Gentlemen im viktorianischen England nicht wahrhaben: Die christlichen Seefahrer waren von unbändigem Hunger getrieben zu Kannibalen geworden. Heutige forensische Analysen bestätigen allerdings die Angaben der Inuits. 

Eskimos waren es auch, die entscheidende Hinweise zum Auffinden der Wracks der beiden Schiffe gegeben haben. Im September 2014 wurde das Wrack der „HMS Erebus“ in der Wilmot-and-Crampton-Bucht vor der Adelaide-Halbinsel gefunden. Im September 2016 fand man die „HMS Terror“ in einer Bucht im Süden der King-Williams-Insel in einer Wassertiefe von 11 Metern. 

Doch eine Frage ist bis heute ungeklärt: Warum konnte diese gutausgerüstete Expedition so kläglich scheitern? Das wollte auch der Anthropologie-Professor Owen Beattie von der kanadischen Universität von Alberta wissen und untersuchte einige der aufgefundenen Leichen genauer. In den Haaren des leitenden Schiffsheizers John Torrington, der auf der Beechey-Insel begraben lag, fanden Beattie und sein Team einen erstaunlich hohen Bleigehalt von bis zu 657 ppm. Zum Vergleich: Haare von Inuits aus der gleichen Region wiesen lediglich einen Bleigehalt von 26 bis 36 ppm auf. 

Beattie fand auch die Quelle des Bleis: Die mitgeführten Konservendosen waren damals auch von innen mit Blei verlötet worden, das in die Nahrung übergegangen war. Scheiterte „der Mann, der seine Schuhe aß“ also an den Konservendosen? Auch wenn sich ein derart hoher Wert wie bei Torrington in keiner anderen Haarprobe nachweisen ließ, so ist Beattie doch überzeugt davon, dass das Blei die Männer entscheidend geschwächt und ihre Körper anfällig gemacht hat. Zudem schädigt eine hohe Bleibelastung das Nervensystem und führt neben motorischen Störungen auch zu neuropsychologischen Veränderungen. Konzentrationsstörungen, Intelligenzdefizite und Verhaltensauffälligkeiten sind die Folge. Das würde auch die relativ wirren Aufzeichnungen in dem im Steinmal aufgefundenen Schriftstück erklären. 

Die Autopsie brachte aber auch an den Tag, dass einige der Männer an Tuberkulose und Lungenentzündung erkrankt waren. Andere Wissenschaftler konnten gravierende Mangelerscheinungen nachweisen, die aufgrund von Fehlernährung entstanden sind. 

Unterm Strich war es also wohl das Zusammentreffen einer ganzen Reihe von Faktoren, die zum Scheitern der Franklin-Expedition geführt hat. Die Ironie der Geschichte: Heute gilt Robert McClure als Entdecker der Nordwestpassage. Gefunden hatte er sie, als er auf der Suche nach Überlebenden der Franklin-Expedition war.

CS 

Franklion-Expedition