Mitternachtslektüre

Der rätselhafte Tod des Edgar Allan Poe


Die Kleidung, die Edgar Allen Poe trug, war dreckig, abgerissen und passte ihm ganz offensichtlich nicht. Sein Gesicht war ungewaschen und die Haare nicht gekämmt. Als der berühmte Horror-Schriftsteller am 3. Oktober des Jahres 1849 in der Gosse vor Ryan’s Tavern in Baltimore mit dem Tod kämpfte, schien er betrunken zu sein und gerade eine schwere Alkoholvergiftung zu erleiden. Poe wurde in das Washington Medical Center eingeliefert, wo man ihm aber nicht mehr helfen konnte und so verstarb der bekannte Autor dort am 7. Oktober 1849. 


Erste Zweifel am Alkoholtod kamen auf, als bekannt wurde, dass Poe zum Zeitpunkt seines Todes Mitglied einer Abstinenzlerbewegung war. Gewissheit brachte aber erst der behandelnde Arzt im Washington Medical College. Dr. John Joseph Moran gab damals zu Protokoll, er habe bei Poe „nicht die leisesten Anzeichen von Alkohol in dessen Atem feststellen können“. Wenn es aber kein Alkohol war, woran ist er dann gestorben? Hatte er vielleicht eine Überdosis Drogen zu sich genommen, das damals recht verbreitete Opium eventuell? Erlitt er also in Wahrheit keine Alkohol-, sondern eine Drogenvergiftung?


Der Autor und Arzt Thomas Dunn English war einer von Poes guten Freunden, bis er sich mit ihm überwarf. Er äußerte sich schon seinerzeit zu diesem Vorwurf und wies ihn als „gemeine Verleumdung“ zurück: „Ich sah niemals Anzeichen eines Drogenkonsums bei ihm und ich habe mich wirklich oft mit ihm getroffen.“ Dennoch: Die Symptome, von denen die Zeitgenossen damals berichteten - allen voran Dr. John Joseph Moran, der Poe in seinen letzten Stunden medizinisch betreute - passen durchaus zu einer Vergiftung, meinen auch heutige Mediziner. 


Wenn der Schriftsteller allerdings tatsächlich vergiftet worden wäre, dann müsste sich dieses Gift auch heute noch in seinen Haaren nachweisen lassen. Im Jahre 2006 machten sich Dr. John Ejnik und Dr. Jose Centeno vom Department of Environmental and Toxicologic Pathology in Washington D. C. daran, die Haarlocken genauer zu untersuchen, die Edgar Allan Poe und seiner Ehefrau Virginia direkt nach ihrem Tode abgeschnitten und bis heute aufbewahrt wurden. Die Ergebnisse dieser Untersuchungen sind interessant. 


Die Toxikologen konnten in den Haaren Edgar Allan Poes große Mengen von Arsen nachweisen und zwar die 15fache Dosis von dem, was heute als normal gilt. Für eine regelrechte Arsenvergiftung reichte diese Menge allerdings immer noch nicht aus, waren sich die Experten 2006 sicher: „Das waren etwa zwei Drittel derjenigen Menge, die nötig gewesen wäre, um Vergiftungserscheinungen auftreten zu lassen“, schrieben die Fachleute in ihrem Gutachten. 


Die Experten machten sich mit ihrem Massenspektrometer aber auch noch auf die Suche nach weiteren Giftstoffen. Der Gehalt an Blei, Quecksilber, Nickel, Uran und Vanadium wurde ebenfalls bestimmt. Auffällig wurden dabei vor allem ein drei- bis vierfach erhöhter Bleianteil und ein zehnfach erhöhter Nickelanteil, immer im Vergleich zu dem, was heute als normal gilt. Quecksilber und Vanadium waren zwar erhöht, aber wie auch schon Blei und Nickel deutlich unter dem Pegel, der zu einer Vergiftung geführt hätte. Uran war so wenig in den Haaren vorhanden, dass die hochsensiblen Instrumente nicht einmal anschlugen. 


Die Toxikologen bilanzierten so auch im Jahre 2006: „Keines der untersuchten Metalle lag in einer so hohen Konzentration vor, dass es zu Vergiftungen gekommen wäre.“ Damit wäre dann wohl auch erst einmal die Selbstmordtheorie vom Tisch, die unter Experten ebenfalls im Gespräch war.


„Und wie sieht es mit Mord aus?“, fragte sich der Historiker und Autor John Evangelist Walsh. Nach dem Tod seiner Ehefrau Virginia traf Edgar Allan Poe auf einer seiner Reisen durch Zufall seine große Jugendliebe Sarah Elmira Shelton (geborene Royster) wieder, die inzwischen verwitwet war. Die beiden verlobten sich schnell und wollten 1849 sogar heiraten. Walshs Recherchen nach hätten die Brüder Sarah Elmiras diese Beziehung missbilligt und Poe daraufhin ermordet. Allerdings wies Poe bei seiner Einlieferung ins Krankenhaus keinerlei Stich-, Hieb- oder gar Schussverletzungen auf. Die meisten Experten weisen die Mordtheorie heute dann auch zurück. 


Vielleicht gibt ja aber auch gerade das rätselhafteste Detail Aufschluss über den Tod des Schriftstellers. Als Poe im Oktober 1849 vor Ryan's Tavern vollkommen verwirrt und entkräftigt aufgefunden wurde, hatte er nicht seine eigene Kleidung an, sondern die eines anderen Mannes. Poe, der auf sein Äußeres bedacht war, trug Dr. John Joseph Moran zufolge einen „alten ausgeblichenen und fleckigen Mantel, verschlissene und abgelaufene Schuhe, die zu groß waren, sowie einen alten Strohhut.“ Er habe „ungekämmte Haare und ein ungewaschenes Gesicht“ gehabt, gab Dr. Joseph E. Snodgrass seinerzeit zu Protokoll, der Poe damals als erster Mediziner vor Ryan's Tavern zu Hilfe eilte. „Er trug ein dreckiges Hemd ohne Weste, sowie verschlissene Kleidung, die nicht richtig passte.“ 


Mysteriös, in der Tat, dennoch könnte es eine Erklärung für dieses seltsame Erscheinungsbild geben. Das meinte John R. Thompson schon in den 1870er Jahren und lieferte so eine Theorie, die auch heute noch von vielen Experten vertreten wird: das sogenannte „Cooping“. 


Am 3. Oktober 1849 wurde in Baltimore nämlich gerade gewählt. In den USA war es damals üblich - wenn auch im höchsten Maße illegal - dass Wahlbetrüger Obdachlose, Alkoholiker und andere offensichtlich wehrlose Personen mit Alkohol und Gewalt dazu brachten, für ihren Kandidaten zu stimmen. Damit diese gleich mehrmals hintereinander ihre Stimme abgeben konnten, ohne dabei aufzufallen, zogen die Kriminellen ihnen jedes Mal wieder von Neuem andere Kleider an. 


Diese Theorie würde zwar in der Tat Poes abgerissenes Äußeres erklären, sie lässt sich aber nicht mit den Aussagen der Experten in Übereinstimmung bringen, die weder Alkohol noch die üblichen Gifte feststellen konnten. Hätte Poe aufgrund von Schlägen der kriminellen Wahlhelfer an inneren Verletzungen gelitten, so hätten diese aber auch seinen Ärzten auffallen müssen. 


Poe konnte selbst nichts mehr zur Erhellung seiner Situation beitragen, er verstarb am Morgen des 7. Oktobers 1849. Todesursache: unbekannt. Wie man es auch dreht und wendet: Der Tod des berühmten Schriftstellers bleibt bis heute rätselhaft. 

Edgar Allan Poe

Infokasten: Lebensdaten

Edgar Poe wurde am 18.1.1809 in Boston geboren. 1810 ging sein Vater fort, die Mutter verstarb ein Jahr später. Daraufhin nahm ihn der reiche Richmonder Geschäftsmann John Allan als Mündel an. Edgar Poe wurde zu Edgar Allan Poe. Er genoss eine gute Ausbildung, an der Universität von Virginia studierte er Sprachen. Dort lernte Poe aber auch das lockere Leben kennen und geriet so in Geldnöte, die zu Streitigkeiten mit seinem Ziehvater führten. 1827 ging er zur Armee und wollte Offizier werden. 1830 nahm ihn die Militärakademie West Point an. Im Oktober 1830 heiratete John Allan neu, woraufhin sich die beiden Männer endgültig zerstritten. An ein großzügiges Erbe war nun nicht mehr zu denken. Poe verließ daraufhin die Armee und ging nach Baltimore, wo er begann, für Zeitungen zu schreiben. Im März 1836 heiratete er seine 13jährige Cousine Virginia. Poes Bekanntheitsgrad nahm beständig zu, als scharfzüngiger Literaturkritiker schuf er sich aber auch viele einflussreiche Feinde. 1847 starb seine Frau Virginia. Kurze Zeit später traf er seine ehemalige Jugendliebe Sarah Elmira Shelton wieder und beabsichtigte, sie 1849 zu heiraten. Edgar Allan Poe starb in den frühen Morgenstunden des 7. Oktobers 1849 unter mysteriösen Umständen, die Todesursache ist bis heute unbekannt. 


Infokasten: Wichtige Werke

- 1833: „Das Manuskript in der Flasche“, eine seiner ersten Erzählungen überhaupt, gewinnt ein Preisausschreiben.

- 1838: „Der Bericht des Arthur Gordon Pym“ ist sein längstes Prosawerk. Poe liegt mehr die Kurzgeschichte.

- 1839: „Der Untergang des Hauses Usher“ geht als Prototyp der „Short Story“ in die Literaturgeschichte ein.

- 1841: „Die Morde in der Rue Morgue“ werden wegweisend für die moderne Detektivgeschichte. 

- 1842: „Das Pendel des Todes“ wird eine seiner bekanntesten Erzählungen. 

- 1843: „Das verräterische Herz“ beschäftigt sich mit der Psychologie des Verbrechens.

- 1843: In „Der Goldkäfer“ gibt Poe seiner Leidenschaft für Geheimschriften und Kryptographie nach. 

- 1845: „Der Rabe“ wird sein bekanntestes Gedicht und eines der bekanntesten amerikanischen Lyrik-Stücke überhaupt.

- 1849: „Annabel Lee“ entsteht kurz nach dem Tod seiner Frau Virginia. In dem Gedicht bringt Poe seine Trauer über den Verlust zum Ausdruck.


CS