
Der echte Dr. Jekyll war Tischler - tagsüber
Laute Schreie dringen durch das Dunkel der Nacht: Robert Louis Stevenson, der gefeierte Autor der „Schatzinsel“, hat einen fürchterlichen Alptraum. Seine Frau Fanny tut das, was wohl jeder in dieser Situation tun würde: Sie weckt ihren Gatten. Als der aber kurze Zeit später zu sich kommt, ist er sauer: „Warum weckst du mich? Ich träumte gerade eine schöne Schauergeschichte.“
Stevensons Stiefsohn Lloyd Osbourne erinnert sich später: „Was nun folgte, waren drei Tage, in denen er wie besessen arbeitete.“ Heraus kommt dabei ein Buch über eine höchst unheimliche Persönlichkeitsspaltung: „Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde“, die Geschichte von einem angesehenen Arzt, der sich im viktorianischen England durch die Einnahme einer mysteriösen Tinktur in einen grauenhaften Unhold, den ungehobelten Mörder Mr. Hyde verwandelt.
Das Buch kommt in den USA am 5. Januar 1886 mit einer Auflage von nur 3.000 Exemplaren in den Handel, noch vier Tage vor dem Verkaufsstart in Großbritannien. Als die angesehene Times dann am 25. Januar 1886 die Erzählung wohlwollend bespricht, schnellen die Verkäufe in die Höhe. Innerhalb von nur sechs Monaten werden fast vierzigtausend Exemplare verkauft, bis zum Jahr 1901 schon ganze 250.000 Stück. „Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde“ wird neben der „Schatzinsel“ Stevensons größter kommerzieller Erfolg und macht ihn endgültig weltweit bekannt. Heute zählt die Geschichte zu den am häufigsten bearbeiteten literarischen Vorlagen mit gut 100 Verfilmungen, aber auch zahlreichen Adaptionen in anderen Medien und sogar mehreren Musicalversionen.
Stevenson hat sich beim Schreiben aber nicht nur von seinem denkwürdigen Alptraum beeinflussen lassen. Eine der wichtigsten Inspirationen geht auf einen echten Kriminellen zurück, den schottischen Tischler und Mitglied des Stadtrats der Stadt Edinburgh William Brodie (1741 - 1788). Der ist damals als Stadtrat ein überaus angesehener Bürger, tagsüber zumindest, führt aber des Nachts ein geheimes Doppelleben als Einbrecher und Dieb.
Dabei kommt ihm sein Beruf als Tischler zu Hilfe und sein Wissen über Schlösser und Sicherheitsvorkehrungen. In der Praxis ist es nämlich kein Problem für ihn, Wachsabdrücke der Schlüssel seiner wohlhabenden Kundschaft anzufertigen und diese dann auf seinen nächtlichen Einbrüchen ab etwa 1786 auch erfolgreich einzusetzen. Das kriminelle Geschäft läuft so gut, dass er 1786 schon drei weitere Verbrecher anwerben kann mit ihm auf Diebestour zu gehen.
Von da an geht allerdings so einiges schief bei der neu gegründeten Verbrecherbande und schon bald wird einer der Gauner von der Polizei geschnappt und sagt als Kronzeuge gegen den Rest der Bande, darunter auch Brodie, aus. Am 27. August 1788 wird William Brodie der Prozess gemacht. Er endet am 1. Oktober 1788 am Galgen, den er - wie es die Ironie des Schicksals will - ein Jahr zuvor wohl noch selbst entworfen und gebaut hat.
Robert Louis Stevenson interessiert das Doppelleben Brodies schon früh und im Jahr 1880 verarbeitet er es zusammen mit William Ernest Henley zu der Erzählung „Deacon Brodie“. Mit Dr. Jekyll und Mr. Hyde treibt Stevenson dieses Doppelleben dann mit einem gekonnten Kunstgriff auf die Spitze: Eine mysteriöse Tinktur macht aus dem respektablen Dr. Jekyll den Unhold und Mörder Dr. Hyde.
Bis heute hat sich die schauerliche Faszination der Geschichte erhalten, im viktorianischen England aber hat die Erzählung noch eine ganz andere Qualität. Die modernen Naturwissenschaften, selbst Medizin und Psychologie, stecken damals noch in den Kinderschuhen. Eigentlich weiß niemand so genau, was es mit dieser unheimlichen Persönlichkeitsspaltung auf sich hat. Kann es so etwas nicht auch in der Realität geben? Schließlich hatte doch erst im Jahr 1859 Charles Darwin mit seinem epochemachenden Werk „Die Entstehung der Arten durch natürliche Zuchtwahl“ dargelegt, dass der Mensch vom Tier abstammt. Kann denn dieses Tier im Menschen nicht auch wieder zum Vorschein gebracht werden?
So erkennen einige damalige Gelehrte in Mr. Hyde dann auch die wahre Natur des Menschen wieder, die ohne jede sittliche Selbstbeherrschung wieder zum Durchbruch kommt. Moralisierender formuliert: Hat man das Böse erst einmal zugelassen - so wie Dr. Jekyll es mit seiner Mixtur mitsamt anschließender Verwandlung tut - dann gewinnt es die Oberhand über das Gute.
Interessanterweise zeichnen sich hier gewisse Parallelen zum sogenannten Strukturmodell der Psyche ab, das Sigmund Freud erarbeitet hat. Bei Freud manifestiert sich das Triebhafte eines jeden Menschen im „Es“, wie er es nennt, das nach dem Lustprinzip handelt, also seine Triebe ausleben will. Im Gegensatz dazu manifestieren sich die Normen der Gesellschaft im sogenannten „Über-Ich“, das die moralische Kontrolle übernimmt. Unter dem Einfluss dieser beiden Instanzen formt sich nun die dritte, unser eigentliches „Ich“.
Kein Wunder also, dass der Roman vielfach interpretiert wurde. Von der Warnung vor Drogenmissbrauch bis hin zu einer ersten Annäherung an psychologische Themen wie Schizophrenie oder dissoziative Persönlichkeitsstörung ist eigentlich alles dabei. Aber auch die Neubelebung des Doppelgängermotivs oder das Anprangern von Doppelmoral und Heuchelei werden in den Besprechungen thematisiert. Ja, für manche ist die Erzählung auch nichts anderes als eine spannende Schauergeschichte, nicht mehr und nicht weniger.
CS
