
Der Berg verzeiht keine Fehler - 8 Bergsteiger-Dramen
Joe Simpson und der Siula Grande:
Es war eine schwere Entscheidung, die Simon Yates im Mai des Jahres 1985 an der Westwand des 6.344 Meter hohen Siula Grande in den peruanischen Anden zu treffen hatte. Sein Freund Joe Simpson hing am anderen Ende des Seils hilflos über einem tiefen Abgrund und Yates verließen die Kräfte, ihn noch länger halten zu können. Also tat Yates das, was notwendig war, um nicht in die Tiefe gezogen zu werden. Er durchschnitt das Seil und ließ Simpson in eine Gletscherspalte stürzen. Da er seinen Freund für tot hielt, machte er sich allein auf den Weg zurück in die Zivilisation. Doch Simpson war nicht tot. Mit zertrümmertem Knie versuchte er unter heftigsten Schmerzen der Gletscherspalte zu entkommen, was ihm schließlich auch gelang. Mehr noch: Trotz seiner Verletzungen schaffte er es aus eigener Kraft heraus zurück ins Basislager und konnte gerettet werden. Simpson hat Yates nie vorgeworfen, das Seil durchschnitten zu haben. In der Situation war es schließlich das einzig Logische, was Yates tun konnte.
Edward Whymper und das Matterhorn:
Der Brite Edward Whymper wollte der Erste sein, der auf dem Gipfel des Matterhorns steht. Als er im Juli des Jahres 1865 durch Zufall erfuhr, dass sein Freund Jean-Antoine Carrel gerade einen Versuch unternahm, musste er ihm zuvor kommen. Auf die Schnelle stellte er eine 7er-Seilschaft zusammen, mit der er sich augenblicklich auf den Weg machte. Am 14. Juli 1865 gelang der Gruppe die Erstbesteigung des Matterhorns. Whymper schnitt kurz vor dem Gipfel das Seil durch, das ihn mit den anderen verband, und lief voraus. Somit gilt er heute als der Erstbesteiger. Auf dem Rückweg ins Tal rutschte Douglas Hadow aus und riss alle Männer mit sich, die über das Seil mit ihm verbunden waren. Peter Taugwalder versuchte die Stürzenden zu halten, aber das marode Seil riss. Vier Männer stürzten in den Tod. Peter Taugwalder und sein Sohn sowie Edward Whymper überlebten. Das alte gerissene Seil war lediglich als Reserve für das gute Seil gedacht, das Whymper auf seinem Weg zum Gipfel zerschnitten hatte.
Toni Kurz und die Eiger-Nordwand:
Das Verhängnis nahm seinen Lauf, als die vier Bergsteiger das Seil abzogen, mit dem sie das Erste Eisfeld der Eiger Nordwand gequert hatten. So war ihnen der Rückweg versperrt, als schlechtes Wetter aufzog und sie absteigen mussten. Toni Kurz, Anderl Hinterstoißer, Willy Angerer und Eduard Rainer entschieden sich für den lawinen- und steinschlaggefährdeten direkten Weg hinab. Am 21. Juli 1936 stürzten sie in die Tiefe. Alle starben, bis auf Toni Kurz, der dringend Hilfe benötigte. Einem Rettungsteam gelang es, sich über das Stollenloch der Jungfraubahn bis auf Rufweite zu nähern. Da das Rettungsseil zu kurz war, musste ein zweites angeknotet werden. Doch wie sich zu spät herausstellte, passte der Knoten nicht durch den Karabiner hindurch, mit dem sich Kurz abseilte. Der hatte die Nacht über in einem eisigen Sturm im Seil gehangen und nicht mehr die Kraft, sich aus dieser Lage zu befreien. Den Rettern war es nicht möglich zu helfen und so starb Toni Kurz nur wenige Meter über ihren Köpfen.
Jon Krakauer und der Mount Everest:
Im Mai des Jahres 1996 einigten sich Rob Hall und Scott Fischer, die Leiter zweier kommerzieller Expeditionen, darauf, ihre Kunden gemeinsam auf den Mount Everest zu führen. Das war ein großer Fehler. Unter den Bergsteigern befand sich der Journalist Jon Krakauer, der später einen Bestseller über die Ereignisse auf dem höchsten Berg der Erde schrieb: „In eisigen Höhen“. Das größte Problem war von Anfang an die Zeit. Durch den gemeinsamen Aufstieg bremsten die langsameren Bergsteiger die schnelleren aus. Zudem war versäumt worden, an den schwierigen Stellen Fixseile anzubringen, was nachgeholt werden sollte. So wurde die Zeit knapp, den Gipfel früh genug zu erreichen, um auch noch bei Tageslicht wieder absteigen zu können. Dann schlug das Wetter um. Mehr als 30 Bergsteiger mussten so in einem starken Schneesturm absteigen, manche sogar bei Nacht, was für einige von ihnen einem Todesurteil gleichkam. Insgesamt waren acht Tote zu beklagen, darunter die beiden Bergführer Rob Hall und Scott Fischer.
Pete Schoening und der K2:
Wenn sich jemand das Bein bricht, wird man ihn nicht den Berg hinunter bringen können. Dessen waren sich die sieben Teilnehmer der 1953er Korakorum-Expedition sicher, als sie in 7.800 Meter Höhe auf dem K2 standen, dem mit insgesamt 8.611 Metern wohl schwierigsten aller Achttausender. Doch als sich Arthur Gilkey eine lebensgefährliche Thrombose zuzog, hatten die Männer keine andere Wahl, als den Verletzten zurück ins Basislager zu bringen. Mitten in einem Sturm begannen sie den Abstieg. Als George Bell das Gleichgewicht verlor, riss er seinen Seilpartner Tony Streather mit sich. Ihr Seil verfing sich in den Seilen der anderen Expeditionsteilnehmer und so wurden auch sie mit in die Tiefe gezogen. Doch dann geschah das Unglaubliche: Pete Schoening gelang es, alle Absstürzenden mit seinem Seil zu halten und vor dem sicheren Tod zu bewahren. Dennoch überlebte Arthur Gilkey nicht. Eine Lawine riss ihn ins Tal oder er stürzte sich selbst hinab. Was wirklich geschah, konnte nie geklärt werden.
Maurice Herzog und die Annapurna:
Die ersten Menschen, die auf einem der Gipfel der insgesamt 14 Achttausender standen, waren die Franzosen Maurice Herzog und Louis Lachenal. Doch der Abstieg von der 8.091 Meter hohen Annapura im Himalaya-Gebirge, die als einer der gefährlichsten Berge gilt, wurde für sie und die anderen Expeditionsteilnehmer lebensbedrohlich. Schon kurz nach dem Gipfel verloren sich Herzog und Lachenal aus den Augen. Als sie schließlich nacheinander auf die restlichen Expeditionsteilnehmer stießen, hatten sich beide schwere Erfrierungen zugezogen, Lachenal zudem eine Gehirnerschütterung. Auf dem weiteren Rückweg verirrten sich alle gemeinsam im Schneesturm. Nach und nach zogen sich auch die anderen Bergsteiger schwere Erfrierungen zu, zwei wurden schneeblind. Mit letzter Kraft schafften sie es schließlich doch noch in das Lager und konnten gerettet werden. Den Gipfelerfolg und den Eintrag in die Geschichtsbücher bezahlten sie mit ihren erforenen Fingern und Zehen, die amputiert werden mussten.
Aron Ralston und der Bluejohn-Canyon:
Der Bergsteiger Aron Ralston wollte alle Viertausender in Colorado im Alleingang besteigen. Im Jahr 2003 klemmte er sich beim Klettern im Bluejohn-Canyon in Utah seinen rechten Arm so unglücklich ein, dass er sich nicht mehr aus eigener Kraft befreien konnte. Er hatte keinem Menschen gesagt, wo er war, und kein Handy dabei. Mit nichts anderem als 350 Milliliter Wasser und zwei Wraps versuchte er zu überleben. Nach fünf Tagen und fünf Nächten entschloss er sich ausgehungert und dehydriert dazu, seinen rechten Arm mit dem Taschenmesser zu amputieren, was ihm schließlich auch gelang. Anschließend lief er noch mehrere Kilometer weit, bis er schließlich von Wanderern gerettet wurde. Keine zehn Monate später bestieg er mit seiner neuen Armprothese die nächsten Viertausender. 2005 erreichte er schließlich sein Ziel, alle Viertausender Colorados im Alleingang zu besteigen. Seine Geschichte wurde 2010 verfilmt. Der Film über den Mann mit dem eisernen Willen heißt ganz prosaisch „127 Stunden“.
Shackleton und Südgeorgiens Berglandschaft:
Die drei Männer wussten, dass es in der zerklüfteten Berglandschaft Südgeorgiens nachts bitterkalt werden konnte. Es war schon spät am Tag und sie mussten schnellstmöglich absteigen. Aber wie? Sie waren keine geübten Alpinisten, sondern Seeleute, die gerade eine 1.500 Kilometer lange Fahrt mit dem Rettungsboot von Elephant Island aus hinter sich gebracht hatten, nachdem ihr Schiff, die „Endurance“, gesunken war. Um die rettende Walfangstation in Stromness zu erreichen, mussten die halb verhungerten Überlebenden der Imperialen Transantarktischen Expedition aber erst einmal von diesem Berg hinunter kommen. Doch dann kam der Expeditionseiter Ernest Shackleton auf eine Idee, die in dieser Situation vielleicht nur einem Seemann einfallen konnte. Die drei Männer rutschten einen Großteil des Berges auf ihren Hintern hinab und schafften es am 20. Mai 1916 tatsächlich bis in die Walfangstation. Alle Männer der „Endurance“, die auf Elephant Island ausgeharrt hatten, konnten daraufhin gerettet werden.
CS
