Mitternachtslektüre

Dr. Joseph Bell: Der Mann, der Sherlock Holmes war

Große hagere Gestalt, Adleraugen und ein messerscharfer Verstand: Nein, hier ist nicht Sherlock Holmes gemeint, der wohl berühmteste Detektiv der Welt, sondern sein nicht minder geniales Vorbild, der schottische Arzt und Dozent Dr. Joseph Bell (1837 - 1911), einer der Begründer der modernen Kriminalistik, der es am Ende des 19. Jahrhunderts mit dem wohl gefürchtetsten Serienmörder aller Zeiten zu tun bekam, der Bestie von Whitechapel, Jack the Ripper. 

Im Jahre 1877 schrieb sich der spätere Sherlock- Holmes-Autor Arthur Conan Doyle (1859 - 1930) an der medizinischen Fakultät der Universität Edinburgh ein, um Medizin zu studieren. Einer seiner Dozenten war der Leibarzt Queen Victorias in Schottland, der Chirurg Dr. Joseph Bell. Bells Vorlesungen waren äußerst beliebt, denn immer wieder überraschte er die Studenten mit einer erstaunlichen Beobachtungsgabe und geradezu verblüffenden Schlussfolgerungen, die er im Dienste seiner Diagnosen einsetzte. 

Kein Wunder also, dass auch der junge Conan Doyle schnell von diesem Mann fasziniert war. Schon im zweiten Studienjahr bemühte sich Doyle um eine Assistentenstelle bei seinem großen Vorbild, die er „zu seiner Überraschung“ auch erhielt, wie er später in seiner Autobiographie schrieb. 

Im 19. Jahrhundert machte die Medizin enorme Fortschritte und wurde endgültig zur seriösen Wissenschaft, die sie zuvor keineswegs immer gewesen war. Hier, bei seinem Lehrer Dr. Bell, lernte Doyle das wissenschaftliche Arbeiten, die streng rationale Denkweise und die Methode der Deduktion kennen, also die Schlussfolgerung vom Allgemeinen zum Besonderen, die auch seine Detektivfigur Sherlock Holmes später auszeichnen sollte. 

Da Dr. Joseph Bell Pionierarbeit in der Kriminalistik leistete, sich also als einer der Ersten überhaupt mit Fingerabdrücken, Blut- und Pulverspuren sowie Schrifterkennung befasste, bat ihn Scotland Yard immer wieder um Hilfe bei der Aufklärung schwieriger Kriminalfälle - ganz so wie den Sherlock Holmes der Detektivgeschichten. 

Überliefert ist der Fall der Elizabeth Chantrelle, deren plötzliches Ableben den Ermittlern damals zu denken gab. Ihr Ehemann, der angesehene Londoner Rhetoriklehrer Eugene Chantrelle, gab zu Protokoll, dass er seine Frau am Neujahrsmorgen des Jahres 1878 sterbend in ihrem Bett vorgefunden habe. Der ganze Raum soll nach Gas gerochen haben. Zu dieser Zeit erlitten noch viele Menschen schwere Vergiftungen aufgrund von unsachgemäß verlegten Rohren und so sah auf den ersten Blick auch wirklich alles nach einem bedauernswerten Unfall aus. Obwohl Elizabeth sofort in ein Krankenhaus eingeliefert wurde, konnten die Mediziner nichts mehr für sie tun. 

Scotland Yard kamen erste Zweifel am Unfalltod der Frau, als der behandelnde Arzt zu bedenken gab, dass eine Gasvergiftung ganz andere Symptome hätte. Ferner wurde bekannt, dass der verschuldete Eugene Chantrelle im Oktober 1877 eine hohe Lebensversicherung auf seine Frau abgeschlossen hatte, die aber nur dann ausgezahlt wurde, wenn sie einen Unfalltod erlitt. 

Als Dr. Bell zu diesem Fall hinzugezogen wurde, konnte er mit einer Obduktion zweifelsfrei klären: Elizabeth war nicht durch Gas umgekommen. Der entsprechende Gasnachweis ließ sich weder im Blut noch in den Organen erbringen. Vielmehr sprach alles für eine Opiumvergiftung. Opium war zu dieser Zeit noch in jeder Apotheke frei erhältlich. Das Problem: Es ließ sich damals im Blut nicht nachweisen. Ein perfekter Mord - so schien es. 

Bell untersuchte daraufhin das Nachthemd der Frau genauer und fand dort Spuren, die er analysieren konnte. Auf diese Art ließ sich das Opium nun doch noch nachweisen und der Fall war klar: Eugene Chantrelle wurde angeklagt, vor Gericht gestellt und aufgrund der erdrückenden Beweise als Mörder verurteilt. Er starb am 31. Mai 1878 im Calton-Gefängnis durch den Strang. 

Heute mag die Vorgehensweise Bells, die zur Überführung des Mörders geführt hat, zum Standardrepertoire der Ermittler gehören, damals war das alles noch absolutes Neuland. Die gesamte Kriminalistik steckte am Ausgang des 19. Jahrhunderts noch in den Kinderschuhen. Dr. Joseph Bell war es, der einige der Grundlagen erarbeitete, die heute ganz selbstverständlich im Alltag der Polizei Verwendung finden. Er war einer der Ersten, der sie konsequent anwendete, um Verbrechen aufzuklären und Straftäter zu überführen. 

Ely M. Liebow schrieb in der Bell-Biographie „Dr. Joe Bell“: „Bis zu dem Zeitpunkt hatte die Wissenschaft bei der Aufklärung von Verbrechen kaum eine Rolle gespielt. Bell aber war überzeugt davon, dass wissenschaftliche Untersuchungen zur Lösung kriminalistischer Probleme beitragen können.“ Bells alter Freund Jessie Saxby erinnerte sich in Liebows Biographie: „Bell war sich sicher, dass die Polizei einen großen Fehler begehe, indem sie zuerst eine Theorie aufstelle und erst danach die Fakten daraufhin überprüfe. Es müsse doch eigentlich genau umgekehrt sein.“ 

Diese streng wissenschaftlichen Vorgehensweisen, die genauen Beobachtungen und Analysen sowie die darauf aufbauenden logischen Denkvorgänge und Schlussfolgerungen waren es, die Conan Doyle so sehr an Bell faszinierten, und genau die wollte er unbedingt zum Gegenstand seiner Sherlock- Holmes-Geschichten machen. „Der Held soll das Verbrechen so bekämpfen wie Dr. Bell die Krankheiten bekämpft“, schrieb Doyle in seiner Autobiographie. 

So kam es auch, dass sich später in den Sherlock-Holmes-Erzählungen so manches von dem wiederfinden ließ, was sich zuvor in Bells Seminaren wirklich ereignet hatte. Einiges davon ist geradezu charakteristisch für die Figur des Sherlock Holmes geworden. So sagte Dr. Bell einem Mann, der eines Tages seinen Seminarraum betrat, auf den Kopf zu, wo sich dieser zuvor aufgehalten hatte. Die Studenten waren verblüfft. Er schlussfolgerte dies allein aus der roten Farbe des Lehms unter den Schuhen, der für einen ganz bestimmten Ort in der Gegend - und auch nur für diesen - typisch war. 

Auch die literarische Figur des Dr. Watson, Freund und Wegbegleiter von Sherlock Holmes, geht auf ein reales Vorbild zurück und zwar auf Dr. Henry Littlejohn. Genau wie Sherlock Holmes immer wieder auf die Hilfe Dr. Watsons angewiesen ist, so zog auch Joseph Bell Dr. Littlejohn regelmäßig ins Vertrauen. 

Dr. Joseph Bell, der echte Sherlock Holmes

Im Gegensatz zu Conan Doyles fiktiven Helden hatten es die beiden allerdings mit echten Verbrechern zu tun, sogar mit dem wohl berüchtigtsten aller Zeiten: Jack the Ripper. Als am 30. September des Jahres 1888 gleich zwei Frauen an einem einzigen Tag ermordet wurden, bat Scotland Yard Dr. Joseph Bell um Hilfe. Die Polizei stand damals unter hohem Erfolgsdruck, denn der äußerst brutale Serienmörder, der im Londoner East End geradezu bestialisch tötete, versetzte ganz London in Angst und Schrecken. Bis heute kennt niemand die genaue Anzahl seiner Opfer. 


Joseph Bell und Henry Littlejohn machten sich sofort an die Arbeit: Sie sahen die Akten ein, studierten Beweismaterialien und analysierten das Schriftbild der Briefe, die dem Serienkiller zugeordnet werden konnten. „Bell war nicht nur fasziniert von den Briefen, die Jack the Ripper den Zeitungen schickte, sondern auch von dem Wahnsinn, menschliche Körperteile wie Nieren zu versenden“, konstatierte Ely M. Liebow in Bells Biographie. 


Nach und nach verdichtete sich das Bild. Zum Schluss blieb nur noch ein einziger Verdächtiger übrig, den beide, Bell und auch Littlejohn, für schuldig hielten - unabhängig von einander. Umgehend informierten sie Scotland Yard. 


Doch dann passierte das, was niemand für möglich gehalten hatte: So plötzlich wie die Morde begonnen hatten, endeten sie auch wieder. Scotland Yard stellte die Untersuchungen ein. In der Folge gingen viele Unterlagen verloren. Wer aber war nun Bells und Littlejohns Verdächtiger? Wer war Jack the Ripper? Wir wissen es nicht. Fest steht nur, dass einer der besten Detektive seiner Zeit ihn gejagt hat: der echte Sherlock Holmes, Dr. Joseph Bell.


CS